in Theater/Performance

Aufführung vom aktionstheater ensemble unter Regie von Martin Gruber am 22.01. im Werk X.

Beschwingt und mit viel Musik tanzt das aktionstheater ensemble in ihrer aktuellen Inszenierung eine Choreographie des Rechtsrucks. Vorbild stand dafür das einhellige Watscheln der Pinguine. Doch am Ende stellt sich die Frage, welche Spezies nun die brutalere Form des Zusammenlebens pflegt.

(Foto (c) Stefan Hauer)

Ein von den jüngsten Geschehnissen inspiriertes Stück muss natürlich auch möglichst zeitgemäß beginnen: So eröffnet Martin Hemmer den Bühnenraum mit einer spontanen Befragung des Publikums mit Hilfe von Stimmzetteln, wobei er ein Mischwesen zwischen Showmaster und Wahlaufseher abgibt. Natürlich dient diese Wahl vor allem dem Marketing des Ensembles und ist in ihrem demokratischen Geist höchst undemokratisch.

Nach diesem anfänglichen Durchbruch der vierten Wand etabliert das Ensemble den angekündigten Swing-Tanz. Die Bewegungsmuster der neuen Zeit gibt Nicolaas van Diepen als vergnügliche Selbsttherapie vor, während Musiker Andreas Dauböck den Mitläufer_innen Swing und Punk aufspielt. Damit sind die zentralen Metaphern des Abends bereits etabliert: Die schwarz-weißen slim-fit Anzüge der Tänzer_innen verweisen nicht nur auf die Garderobe des Geilomobil-Fahrers/Bundeskanzlers und seines sozialdemokratischen Pendants, sondern auch auf die Pinguine und deren Gleichschritt. Ähnlich dem Song „Eisbär“ von Grauzone performen die fünf Anzugträger_innen immer wieder eine Art Kinderlied über Pinguine, das letztlich von der Brutalität und Einsamkeit des Menschen erzählt. Wenn Isabelle Jeschke als manisch-perverser Charakter vom Wahnsinn mancher Tiere und dem Mord zugunsten der Herde erzählt, so bezieht sich das auf uns.

In Österreich wie in Europa will der gesellschaftliche Rechtsruck Ordnung schaffen und die dafür aufgebrachte Brutalität in nüchterne Paragraphen gießen. Dementsprechend wird bei SWING der Form große Bedeutung beigemessen. Einmal in Bewegung gekommen, hält das Ensemble nicht mehr still. Ihre Choreographie lässt die Beine elegant-verführerisch nach rechts ausscheren, getanzt wird ein moderner Stechschritt. Die kleine Spielstätte des Werk X wurde von sämtlichen Hindernissen befreit, das Bühnenbild besteht lediglich aus zwei Projektionsflächen. Doch das durch den Tanz hervorgebrachte Körperbild füllt die Halle sofort wieder. Leere tritt erst ein, wenn sich die Anzug-Pinguine am Ende in absoluter Einsamkeit auflösen.

Doch hinter der strengen Form lauert die Obszönität – so die vom aktionstheater vertretene These. Dargestellt werden groteske Charaktertypen, die sich neurotisch fixiert an einigen wenigen Sprachbildern abarbeiten. Dabei gebären sie sich infantil und obszön zugleich, immer wieder kommt es zu impulsiven Ausrastern: Michaela Bilgeri fordert dazu auf, nach jeder Pflichterfüllung im Haushalt ein Kind zu gebären; Susanne Brandt präsentiert stolz den vom übergriffigen Mann gekauften BH. Einmal mehr offenbart sich also die Patina der Zivilisation als dünn und überaus brüchig. Mit den phrasenhaft wiedergegebenen Episoden zu Sexismus, sexualisierter Gewalt und Rassismus blättert sie langsam immer weiter ab. Portraitiert wird kein klar gezeichnetes Regierungsprogramm, sondern eine verrückt anmutende Haltung. Durch postmoderne Collage werden Karriere-Outfit mit nostalgisch verklärtem Hausfrauentum, rassistische Witze mit selbstironischem Sarkasmus und Traumata sexuellen Missbrauchs mit selbsterniedrigendem Anti-Feminismus verbunden, wobei die vom Tanzschritt zusammengehaltene ideologische Bombe jederzeit detonieren kann. Doch zum Schluss verglüht die rechte Supernova: Auf den beiden Projektionsflächen lösen sich die Schatten der Darsteller_innen langsam auf, der Text erzählt vom Erfrieren.

Entsprechend des postdramatischen und posttraumatischen Ansatzes enthält sich SWING einer eindeutigen politischen Botschaft, aber kartographiert dafür durchaus treffend eine politisch einflussreiche Geisteshaltung. Die Grobheit, mit der das passiert, regt zu einer feineren Reflexion bei sich selbst an. Doch Spektakel und Selbstbespiegelung münden in einem Problem, das ebenso die Politik unserer Zeit bestimmt: Die selbstgeiselnde Ergötzung am Elend, die aus dem Wissen um die eigene Ohnmacht und den Zwang zum Mitmachen resultiert. Man watschelt mit, obwohl man es eigentlich besser weiß. So wussten es an diesem Abend tatsächlich alle besser und doch hatte niemand eine Ahnung, wie man die gesellschaftliche Erstarrung bis zum Erfrierungstod nun aufhalten soll. Letztlich könnte man wienerisch-wurschtig bei einem „Ja, eh“ zurückbleiben.

Doch dafür ist die gesellschaftliche Situation von Regisseur Martin Gruber und seinen Kolleg_innen zu unerbittlich komprimiert worden. Im Gleichschritt des Swings vereinen sie scheinbar Harmloses und eindeutig Gefährliches zu einer faschistoiden Simultanität zunächst widersprüchlicher Phänomene, die einem klar macht: Es braucht eine Intoleranz gegen die Totalität des Rechtsrucks, weil eben nichts wurscht ist.

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