in Gekritzel

Nebelig, eine Woche, jeden Tag. Die frostige Luft zieht aus der Küche am Türschlitz vorbei zu der Matratze am Boden. Umbau der Deckenburg als Reaktion auf diese steten Angriffe. Durch das klapprige Außenrollo lässt sich der Beginn des Tages selbst bestimmen, dafür ist das Knarzen der Dielen ein Wecker, der den ganzen Tag lang läutet. Fotos an den Wänden, die früher woanders hingen und jetzt neu arrangiert etwas neues bedeuten. Eine Aussicht, die an das Elternhaus erinnert, gerade der Nebel und die Reihenhäuser, Flussnähe eben.

Flugmodus an seit Stunden, weil Angst vor WhatsApp. Deshalb aus dem Kopf rekonstruieren, wie man gestern Nacht mit dröhnendem Schädel spaziert ist, nur jetzt bei Sonnenlicht. Beziehungsweise dem grauen Leuchten, das davon durchkommt. Es regnet hier angeblich immer oder es läuten die Kirchenglocken oder beides. Das Risiko, durch ein Rad zu sterben, ist dafür geringer. Man hört die schrottigen Damenrahmen und ihre drei Gänge von weitem. Allerdings sind bis zu 1,6 Promille Alk im Blut erlaubt und die Student_innen fahren in berauschten Rudeln von der Konzerthalle zum Burger King am Bahnhof. Und auch wenn sie nicht mehr fahrtüchtig sind, scheint die Polizei diese lukrative Geldquelle irgendwie zu ignorieren. Gibt es doch mal eine Kontrolle, wird die Sache wie eine Naturkatastrophe verhandelt. Auf dass es so bleibe.

Eine Halle voller mexikanischen Totengeistern, Vampiren in Rollkragenpullis und Fetischliebhaber_innen, die es nicht zugeben wollen. Beim Bierholen reibt man sich an verschwitzten Oberkörper bedeckt mit Netz, ohne es recht zu wollen. Rammstein singt dazu „VERMEHRT EUCH“ und tatsächlich nehmen dies zwei Kostümierte als Anlass zum Schmusen. Man gedenke dieser Halloween-Party in neun Monaten. Wie heißt dieser eine Troll aus Game of Thrones? Jedenfalls trug jemand ein ähnliches Kostüm.

In der Altstadt gibt es ca. hundert Kopien derselben Boutique, bei der man modische Wanderstiefel, Parkas mit Fellkapuze und rote Stoffmäntel zu Preisen um die 800€ kaufen kann. Dazwischen Filialen des örtlichen Industrie-Bäckers und ein Kochlöffel, sehr geil. Leider trotzdem keinen Cheesburger um 1,40€ gegessen. Wirklich toll sind der Park hinter dem Bahnhof, der friedlichen Alkigruppen ein überdurchschnittlich gemütliches Heim ist, und einige Kaffeehäuser, in denen ein großer Snack samt einem halben Liter Kaffee zum Preis eines Espressos in Großstädten verkauft wird. Lokalisiert sind diese Angebote eben hinter besagten Park und man sollte sich in diesem verruchten Viertel der sozial Schwachen natürlich nur aufhalten, solange man die Hipster-Straße mit ihren Tacco-Restaurants nicht verlässt.

Wer auf dem Rad immer leidenschaftlich gegen alle anderen schimpft, freut sich über die Promenade, die den Stadtkern umringt: Der Radstreifen ist doppelt so breit wie der Fußgänger_innenweg und abgetrennt von der Straße. Komischerweise wird man kaum angeklingelt oder beschimpft, wenn man betrunken quer über den Radweg schlenkert. Und betrunken wird man leicht, denn es gibt FAXE und Elephant extra strong am Bahnhof. Aber bitte den Dosenpfand abschaffen. Über die örtliche Sprechweise zu schimpfen ist absolut schwach, aber über „Döner-Tasche“ für einen Kebap und die Unmöglichkeit, einen Tschick zu schnorren, machen doch sehr traurig.

Nun ist Wochenende und wir wollen uns auf die Suche nach den Zecken machen, die „Deutschland will kill us all“ auf irgendeine stadtbekannte Plastik geschmiert haben.

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