in Gekritzel

nur auf Zeit, boy.

Das Leben beginnt, wo die getaktete Zeit abbricht, denn im Tumult der Sekunden und Stunden können wir uns nicht mehr finden. Wir fühlen nichts mehr zum Glockenschlag, auch die 90 Grad Winkel des Zifferblatts lassen uns kalt. Aufregend dagegen die komischen Neigungen der Zeiger, die aus der Reihe tanzen. Kein Material ist schmal genug, um den Raum zwischen den Strichen eindeutig bestimmen zu können. Selbst die Sekundenschnelle einer Casio täuscht Wahrheit vor, wo keine ist. Egal was dort steht, wir warten immer auf 5, 15, 30, 45, 60 – und vergessen darüber die Zeit. Wir stehen an der Straßenecke, der Winkel wird voll und doch ist niemand, auf den wir warten. Nervöses Hämmern auf das Display, der Lockscreen zeigt das Imitat eines Braun-Weckers. Da sind wieder die kleinen, feinen Neigungen. Mit ihnen kommt Glück, Stress, Aufregung, Enttäuschung, Erwartung. Plötzlich ist da mehr als der eigene Standort zu einem ausgemachten Winkel der Zeiger. Aus 0 werden 2 Grad und es entsteht ein Riss. Unsere Verabredung kommt endlich, doch Standort und Neigung der Zeiger passen längst nicht mehr zusammen.

Beißende Fragen: Muss die verstrichene Zeit eingeholt werden? Oder lassen wir sie ziehen? In unseren Blicken die unersättliche Gier nach Symmetrie, schönen Winkeln, scharfen Kanten. Unser Glück schneidet sich daran.

Schließlich ist eine verabredete Menge Zeit verbraucht, die Rolex hat Kreise gedreht, die Casio ist munter vorangesprungen. Wir haben uns wohl gefühlt, die Zeit verstrich am Schnürchen. Doch jetzt das letzte Bier, Soda oder Rüscherl. Unser Zeitfenster schließt sich langsam, doch wir klemmen noch einen Thresen dazwischen. Die Zeiger zerbersten am Widerstand, das Plastik splittert zusammen mit der Zeit. Während unsere Getränke serviert werden, schauen wir den Bruchstücken beim Fliegen zu. Das ganze Lokal schreit, alles wild durcheinander, der Krach wird zu einem grellen Ziepen. Die Kalender, Pager, Abfahrtszeiten, Notifications, Versprechen, Zeitpunkte, Zeitspannen. Sie reißen das Maul auf und leiden Todesqualen. Eine Verspätung ist ein Gewaltverbrechen an 1000 verunmöglichten Gelegenheiten. Mit einem Messer in jeder Hand gehen wir auf Doppelgänger los, die sich auf den Weg machen. Keine Version außer uns darf überleben, die Wirklichkeit darf sich nicht teilen. Dafür sind wir zu lange auf diesen Hockern gesessen.

Es ist der Befreiungsschlag. Schau nicht mehr auf die Uhr! Wir haben uns versündigt. Der Zeitraum wird immer enger, wir schnappen mehr und mehr nach Luft. Uns folgen die grauen Herren durch Parallelgassen. Der Stoffwechsel spielt verrückt, wir fühlen etwas. Dürfen wir das? Schau bloß nicht auf die Uhr! Da rutschen wir aus, da ist es um uns geschehen, denn wir schielten auf die Bahnhofsuhr. Lange Mäntel umkreisen uns. Wir allein, umzingelt, unsere Messer noch stumpf von den gekreuzten Kehlen. Die Zeiger der Bahnhofsuhr schnellen herab, abgehakt, Stück für Stück. Klick-Klack, die schwarzen Balken zerbersten Knochen um Knochen. Wir werden zerrieben zwischen den Kristallen der Digital-Uhr. Die schwarzen Herren fallen über uns her. Sie zerstechen uns das Trommelfell mit einem schrillen Weckton. Es ist halb 6, 180°, 5, 30. Das Knäul aus Trenchcoats entwirrt sich, die Grauen weichen zurück. In ihrer Mitte befinden sich nur noch Schatten unserer Selbst. Doppelgänger, die wieder getaktet sind. Im Takt sind. Unsere Zeit hingegen ist abgelaufen, wir sind nicht mal mehr off-beat, stören nurmehr. Unser pünktliches Selbst nimmt die erste Bahn heim, wir selbst müssen büßen. Fegefeuer ist ein Wort dafür, der Braun-Wecker auf dem Lockscreen seine Erscheinung.

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