in Kino

Das Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen, Herbst 1943: Die bisher täglich eintreffenden Transporte von Jüdinnen und Juden, die vergast werden, sind weniger geworden. Das Ende des Lagers und damit der Tod der Zwangsarbeiter_innen scheint nahe. Die Häftlinge sind deshalb auf der verzweifelten Suche nach Fluchtmöglichkeiten. Flucht aus Sobibor erzählt die Geschichte des Untergrundkomitees, das den Aufstand plant und tatsächlich erfolgreich umsetzt. 300 der insgesamt 600 im „Sonderkommando“ internierten Jüdinnen und Juden entkommen.

Im Zentrum des Aufstandes stehen Leon Feldhendler, der Sohn eines Rabi, und Alexander „Sasha“ Pechersky, ein Leutnant der Roten Armee und ehemaliger Buchhalter. Dieser kommt mit einer Gruppe Kriegsgefangener ins Lager und weckt neue Hoffnung: Endlich Leute, die organisiert sind und kämpfen können. Behandelt werden einige weitere Persönlichkeiten, die für die Flucht entscheidend waren. Darunter der Goldschmied Stanislaw „Shlomo“ Szmajzner und Sashas Geliebte, Gertrude „Luka“ Poppert. Der aus Blade Runner bekannte Rutger Hauer spielt Sasha und erinnert bei seiner Performance an Klaus Kinski. Alan Arkin als Leon ist der zweite namhafte Schauspieler im Cast des englischen Fernsehfilms.

Das Drehbuch baut auf das gleichnamige Buch des Journalisten Richard Rashke auf, das wiederum auf Interviews mit 18 Zeitzeug_innen basiert. Zum Lager gibt es auch ausführliche Forschungsliteratur, die den Ablauf der Revolte gegen die SS und die ukrainische Wachmannschaft recht genau beschreibt. Wie schlägt sich der Film angesichts dieser gesicherten Ergebnisse? Die ungefähren Phasen des Widerstandes und die wichtigsten Personen sind enthalten, es gibt aber einige grobe Schnitzer.

Flucht aus Sobibor will eine Heldengeschichte erzählen, die mit Action, Spannung und Romantik aufwartet. Dieses Vorgehen ist einfach daneben, weil viele wichtige Details zu Gunsten der Dramatik wegfallen und durch gefällige Drehbuch-Bausteine ersetzt werden. Wenn sich Jack Gold aber schon so einem furchtbaren Stoff zuwendet, so hätte das Grauen dieser Tage und die einengende Routinen des Lagers bestimmende Faktoren sein müssen. Zwar sind Auslassungen von Personen und Ereignissen grundsätzlich okay und für eine filmische Umsetzung nötig, aber im Film fehlen entscheidende Konflikte und Probleme des Untergrunds.

Am Auffälligsten wird dies bei der Darstellung der Beziehung zwischen Luka und Sasha. Im Film sind sie ein romantisches, tragisches Paar, wobei ihnen die praktischen Gründe für ihr Zusammensein Probleme bereiten. Aber sie können offen und direkt darüber sprechen, vor allem sind sie ein Liebespaar. Tatsächlich konnten Luka und Sasha nicht miteinander kommunizieren! Luka wurde Sasha vom Untergrund zugeteilt. Sie sollte stets an seiner Seite sein, damit die Nazis keinen Verdacht schöpften, wenn er sich mit anderen Mitgliedern des Untergrundes zur Verschwörung traf. Luka bekam wegen der Sprachbarriere nichts von alledem mit und konnte nur mutmaßen, dass etwas passieren würde. Im Film aber weiß sie über die ganze Flucht Bescheid und die funktionale Beziehung zu Sasha rückt schnell in den Hintergrund. Dadurch wird auch die Art der Instrumentalisierung, die Luka im Rahmen des Aufstandes erfuhr, verzerrt.

Mangelhaft dargestellt ist auch der Terror im Lager. Zwar gibt es einige Szenen, in denen Mobbing, Bestrafungen, Folter und Morde durch die Nazis gezeigt werden, aber es entsteht nie eine allumfassende bedrückende Atmosphäre. Zudem sehen die Schauspieler_innen in 95% der Fälle vital, gesund und schön aus, was sie wegen der katastrophalen Zustände schlichtweg nicht waren. Somit versucht die Inszenierung einige Fakten des Lagers darzustellen, versagt aber in Sachen Glaubhaftigkeit. Der Stacheldraht des Lagers, die Peitschen der Kapos, all das ist nur eine Kulisse.

Leider ist Flucht aus Sobibor ein schlechter Film, weil er sich irgendwo zwischen Dokumentation und Heldenkitsch verirrt. Für eine Doku viel zu dramatisiert und unkorrekt, für einen Spielfilm über große Strecken zu langweilig und offensichtlich inszeniert. Wer noch nie etwas über den Ausbruch aus Sobibor gehört hat, kann sich den Streifen dennoch anschauen. Es ist schlichtweg ein kleines Zeitinvestment, um über ein fast unglaubliches Beispiel des Widerstands gegen die Nazis zu erfahren.

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