in Kino

Der neu gegründete Filmclub Tacheles veranstaltet eine Reihe mit Filmen von Claude Lanzmann an der Universität Wien. Auch Lanzmann selbst hält einen Gastvortrag im Audimax. Freitag den 17.03. machte sein erster Film Pourquoi Israël – Warum Israel – den Anfang. Vor dem Screening des dreistündigen Film hielt Mag.a Sarah Kanawin eine kurze Einführung aus filmwissenschaftlicher. Zunächst will ich einige Eckpunkte dieses Vortrags zusammenfassen und anschließend meine Eindrücke des Films in freier Form wiedergeben.

Vor Pourquoi Israël versuchte sich Lanzmann bereits in zwei anderen Medien an einer Dokumentation über den noch jungen Staat Israel, zunächst in der Form von Zeitungsberichten, dann in einem Buch. Beide Projekte scheiterten, aus dem Film wurde etwas. Die Dokumentation präsentiert uns den Blick eines Außenseiters, der nach Israel reist und sich an einem empathischen Blick versucht. Lanzmann nahm insgesamt 50 Stunden Material auf, was nach viel klingt. Tatsächlich war in der Strömung des Cinéma vérité – des „wahren Kinos“ – noch viel mehr Material üblich, das Verhältnis zwischen Material und tatsächlich verwendeten Ausschnitten sollte ca. 1:100 betragen. Neben dem Cinéma vérité ist Lanzmann durch das Direct Cinema beeinflusst.

Der Stil seiner ersten Doku gleicht bereits seinem späteren Epos Shoa. Ausgemacht wird dieser Stil durch den radikalen Verzicht auf Archivmaterialien, Voice-Overs, erklärenden Kommentaren und sehr minimalistischen Einsatz von Filmmusik. Pourquoi Israël besteht zum Großteil aus Interviews, die in verschiedensten Sprachen geführt werden (Hebräisch, Jiddisch, Deutsch, Arabisch, Französisch, Russisch …) und in denen Lanzmann auch teilweise zu sehen ist. Die Sprache gerät dabei stark in den Fokus, die Kommunikation zwischen Regisseur, Dolmetscher_in und Interviewpartner_in gestaltet sich oft schwierig und es wird nicht gleichzeitig übersetzt. Man hört die Leute erst reden, dann kommen die Untertitel. Manche Sequenzen sind bewusst nicht mit Untertiteln versehen.

Der Regisseur probiert sich gar nicht erst an einem scheinbar objektiven Blick, sondern präsentiert eine einzige Perspektive, nämlich die Seine. Dabei arbeitete er mit einem sehr kleinen Team, zumeist waren nur 2-3 zusätzliche Kolleg_innen anwesend. Durch die Interviews versucht Lanzmann eine Narration zu erschaffen und lenkt dafür den Gesprächverlauf durch gezieltes Nachfragen. Dabei ist er manchmal sehr hart und durchaus auch unhöflich. Zwar sind ein Großteil der Aufnahmen als authentisch zu bewerten, aber auch Lanzmann inszeniert. So ist die Szene im Supermarkt nachgestellt. Die Auswahl der interviewten Menschen ist vielfältig, es werden verschiedene soziale Schichten und Klassen repräsentiert. Leider kommen nur sehr wenig Frauen sehr kurz zu Wort, was absolut kritisiert werden muss. So waren Frauen zu diesem Zeitpunkt auch längst Teil der Armee und natürlich auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen aktiv.

Den Einstieg macht Pourquoi Israël mit dem kommunistischen Liedermacher Gad Granach, der ein Lied des Spartakusbunds gegen Hitler spielt. Daraufhin wird eine Schulklasse gezeigt, welche die Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Mit Granach endet der Film auch, diesmal erklingt aber Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.

Warum Israel heißt der Film auf Deutsch und es fehlt das Fragezeichen. Im Film wird diese Frage auch eher als „Wie Israel?“ verhandelt, was eine gute Entscheidung war. So verhält sich der Film empathisch zum Großprojekt eines jüdischen Staates und seinen Bewohner_innen. Die Infragestellung der ganzen Sache wird nicht zugelassen und in den Interviews finden sich auch genug Hinweise, wieso es Israel als Refugium braucht. Aber natürlich ist Leben und Politik in diesem neuen Staat nicht Friede-Freude-Eierkuchen.

Vielmehr wird deutlich, wie schwierig sich das frisch organisierte Zusammenleben von Menschen gestaltete, die ganz unterschiedliche Lebensumstände kennen und dennoch an die zionistische Idee gebunden sind. Vieles wirkt Anfang der 70er Jahre noch flüssig, manche wollen einen Staat wie jeden anderen, andere hoffen noch auf den Sozialismus. Die Klassenfrage wird ganz anders gestellt, so fühlt sich der Hafenarbeiter Jacques Barkat den Eliten in Israel nur teilweise unterlegen, er akzeptiert letztlich seinen Platz im sozialen Gefüge. Ein alter Herr, bekannt als „Papa von Dimona“, erzählt, wie er mit vielen anderen Familien mit der Hoffnung auf Unterkunft nach Israel kam. Letztlich wurden sie mit Bussen mitten in die Wüste gefahren, wo sie alles von Grund auf selbst erschaffen mussten. Wir sehen ihn, wie er auf einer Straße in der mittlerweile selbstverständlich wirkenden Stadt sitzt. Genia Gordjetski ist mit seiner Familie gerade erst aus der UdSSR nach Israel gekommen, Lanzmann begleitet ihn mit dem Auto und sie fahren an Jerusalem vorbei. Diese Familie ist völlig ahnungslos, doch sind sie froh, hier eine neue Heimat zu finden. Im Gespräch wird klar, dass auch rassistische Ressentiments im multi-ethnischen Staat eine Rolle spielen – was auch in Bezug auf die arabischen Nachbarn und Landsleute aufgegriffen wird.

Nach dem Screening von Pourquoi Israël war ich fasziniert davon, wie aberwitzig das Projekt Israel eigentlich ist – und in der Realität aber doch funktioniert. Gleichzeitig wird Sehnsucht nach etwas noch besserem, nach einer wirklich befreiten Gesellschaft wach. Denn Israel ist letztlich auch der Beweis dafür, dass es möglich ist, eine riesige Infrastruktur innerhalb weniger Jahre trotz den widrigsten Umständen hochzuziehen. Dass es möglich ist, Menschen in eine völlig neue Art des Zusammenlebens zu integrieren. Leider ist es letztlich eine kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft mit Schere zwischen Arm und Reich geworden, aber die Geschichte ist bekanntlich ja nicht vorbei.

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