in Bildende Kunst, Gekritzel

Seine Bilder wirken zumeist dreckig, verschmiert, angekokelt oder verätzt. Doch als sie an der Haltestelle Quartier Belvedere aussteigen, blicken sie in die hunderten blitzblanken Fenster des Erste Bank Campus. Das Postkartenidyll moderner Architektur wird getrübt oder ergänzt um die Baustellen hinter dem Campus, bei denen ein ganzes Team an Kränen Betonquader aufeinander stapelt. Beinahe beschaulich im Kontrast das 21er Haus, dessen Glasfassade sie durch die Türe betreten. Es ist die einzige ihres Aufenthalts.

Im Erdgeschoss der Ausstellungshalle umgibt sie ein Spielplatz an Installationen von Franz West. Einige Gewichte an verbogenen Stangen dürfen sogar angefasst werden. Aliens aus Space Invaders hängen von der Decke und wechseln beim Klatschen die Farbe. Schwebende Plüschbälle wirken bedrohlich, wenn man darunter steht. Ein Zigarettenanzünder ist an einen Stromkasten mit herausquellenden Gehirn angeschlossen und funktioniert nicht.

Im Obergeschoss ist es es etwas düster, bleiches Licht dringt durch das Milchglas an der Decke. Die teils riesigen Leindwände sind in und um kleine Zimmerchen aufgehängt, die sich frei begehen lassen. Die Rahmung ist kaum noch reduzierbar. Dieses steril wirkende Setting setzt die quietschbunten Gemälde von Richter bombastisch in Szene. Es gibt bis auf einen kurzen Einführungstext über den Künstler keine Beschreibungen, die Namen der Gemälde sind immer mit viel Abstand zum Kunstwerk angegeben. In einem dunkleren Zimmer läuft ein Interview. Darin „sagt er einige schlaue Dinge, aber die Fragen sind schlecht“, wie einer meint. Tatsächlich findet auch Richter die Fragen eher schlecht, sagt dann aber dennoch interessante Dinge. Die durchaus viel Einsicht in die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage aufblitzen lassen. Für ihn sei das vergangene Jahrhundert von zunehmender Rationalisierung geprägt, im neuen Jahrtausend komme nun all das verdrängt Irrationale aus den Ritzen. Ist das so?

Zuerst fallen die Gemälde mit klar erkennbaren Szenen auf, Straßenschluchten, Versammlungen, sich zerreißende Tiere. Sind das Gitarren oder Kalaschnikows? Die Menschen in Richters Kunst sind seltsam fleckig, ihre Gesichtsmerkmale dadurch verätzt. In einigen Werken, die mehr an Zeichnungen erinnern und deren Zentrum für mich Army of Traitors bildete, sind verschwommene Schemen unter weiten Tüchern zu sehen. A Flower in Flames erinnert an Concept Art von Dune. Über einige Bilder sind sie sich uneins, insgesamt aber begeistert. Richter scheint sehr politisch zu sein, die Grenze ist für ihn eine problematische Kategorie, aber er ist dennoch verspielt und vielschichtig. Auch sehr abstrakte Gemälde sind zu sehen, Explosionen von Graustufen und grellen Farben. Das Gemäle namens Lonely Old Slogan stiftet den Namen für die Ausstellung, zu sehen ist eine Lederjacke mit dem Aufdruck „Fuck the Police“.

Im Museumsshop gibt es komische Zines und reduzierte Ausstellungskataloge. Im Kino riecht es nach Käsefuß. Sie gehen weiter zu einem koreanischen Imbiss

 

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