in Kino

Ein Film von Sean Baker mit Kitana Kiki Rodriguez und Mya Taylor.

Gönnt euch den Soundtrack während ihr lest!

🍊. Das ziel dieses urbanen Road-Tip wird schnell klar: Sin-Dee kommt an Weihnachten aus dem Knast auf die Straßen LA’s zurück. Was sie dort von ihrer Freundin Alexandra zu hören bekommt, bringt sie sofort auf die Palme. Ihr Freund hat sie betrogen. Nur 28 Tage war sie weg, doch ihr Pimp und boyfriend Chester hat derweil mit dem halben Viertel geschlafen, so heißt es. Sin-Dee ist ungehalten und grantig, Chester muss jetzt sofort zur Rede gestellt werden. Die Suche nach ihm nimmt den Umweg über seine derzeitige Lieblings-Hure, Dinah. Die ist weiß und hat zu allem Überfluss auch noch eine echte pussy, ein fish also, im Gegensatz zu den beiden transsexuellen Freundinnen. Alexandra will vor der Hetzjagd klarstellen, dass sie nicht für drama zu haben ist. An diese Forderung glaubt sie wohl selbst nicht wirklich, denn wenn Sin-Dee etwas kann, dann ist es drama, drama und nochmal: drama.

Tangerine fühlt sich schnell an, das Zickzack-Rennen durch das Viertel wird inszeniert als holpriger Höllenritt. Die starken, überkochenden Emotionen werden mit harten Baselines und blitzenden High-Hats auf die Spitze getrieben. Der Weg ist dabei gewissermaßen das Ziel, denn die Charaktere entfalten sich mit jeder Station ihrer Reise immer mehr. Das ist genial, weil sich Tangerine so nicht für langatmige Erklärungen ausbremsen muss. Das Erforschen der Protagonist*innen durch das Publikum fühlt sich natürlich an. Ganz so, als ob man einer völlig fremden Person durch die Stadt folgt, weil sie einen an der Hand genommen hat. Was im Moment des Sehens krass wirkt, fast zu intensiv, erscheint einen Tag später wohl komponiert. Denn Sin-Dee und Alexandra machen Pausen. Hass und Wut klingen immer wieder ab, machen Platz für Leidenschaft und Trauer. Der Hustle setzt aus, die Musik wird langsam und melodisch. Der Film lebt von Kontrasten, die Trap-Beats wirken umso krasser, wenn sie eine Ballade unterbrechen.

Wie die meisten Road-Trips ist auch Tangerine eine Studie seiner Umgebung, und zwar des Milieus transsexueller Prostituierter und ihrer Mitmenschen. Mein LA-Bild wurde durch Tangerine aufgebrochen, die schillernde Skyline weicht dem Micro-Kosmos einiger Blöcke – und dem Restaurant Donut Time. In der unfassbaren Metropole LA gibt es unzählige Dörfer mit ganz eigenen Menschen und Problemen. Die in Tangerine porträtierte Gemeinschaft ist bestimmt durchs Anschaffen: Kunden, Prostituierte, Pimps, Freund*innen und Lover. Oft sind diese Rollen doppelt besetzt. Drogen sind eine Art Klebstoff. Und die hier angesiedelten Menschen sind durch ihr Anders-Sein vom Rest der Gesellschaft mindestens so sehr bestimmt, wie durch ihr eigentliches Leben.

Ernste und umkämpfte Felder bilden also das Fundament für den Film. Ein Film über Sex-Arbeit allein ist schon schwer zu machen. Aber ein Film über Liebe und Freundschaft im Milieu der Sex-Arbeit mit transsexuellen people of color, die crystal meth abhängig sind und den Hass der sie umgebenden Gesellschaft aushalten müssen – kann so ein Film noch funktionieren? Tangerine zumindest ist ein toller und gelungener Streifen, weil er sich selbst nicht zu ernst nimmt. Die Charaktere sind witzig, die Suche von Sin-Dee und Alexandra nach dem Drogenbaron, Pimp und boyfriend Chester ist absurd. Dieser Typ sieht aus wie ein Bubi, wickelt seine Geschäfte in einem Donut-Laden ab, kuscht vor dessen Besitzerin und ruft die Mami sicher zweimal täglich an. Zudem ist Weihnachten, aber natürlich ohne Schnee, dafür mit Plastikbäumen. Vieles am Film ist komisch. Das Elend, der Hass, die Trauer natürlich weniger.

Fazit: Tangerine ist im Kern eine herkömmliche Liebeskomödie, die unterhält. Das Setting ist erfrischend und gut adaptiert. Baker’s Produktion beweist, dass das Genre auch mit einem ungewöhnlichen Cast funktioniert. Er beweist, dass LGBTQ*-Menschen im Film nicht nur als doofes plot-device oder nur der Repräsentation wegen Platz finden, sondern ernstzunehmende und tolle Charaktere abgeben.

PS: Der Film wurde mit iPhones geschossen, was ein guter Marketing-Gag ist, mir aber sonst nicht aufgefallen wäre. Die Kameraführung ist durchaus nah, wie es vielleicht für Handy-Video typisch ist. Die Bildqualität ist definitiv Kino-reif. Ein Smartphone ist auch nur eine Kamera. Und zwar nicht erst seit gestern. So what’s all the fuzz about?

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