in Politik

this week in review – Bobos fahren #U6 – Mai 16 #1

the week in review ist eine Art Nachfolge-Format des Linksalats. Mehr oder weniger jede Woche wird sich der Autor nun überlegen, was eigentlich in Wien, Österreich und der Welt passiert. In Anbetracht dessen, was Paul liest, hört und schaut, wird es vor allem um Politik gehen. Aber natürlich sollen Musik, Trivia und .gifs der letzten GoT Folge nicht zu kurz kommen.


#u6, Mord an einer Unschuldigen, besorgte Bobos sehen rot

In der Nacht des 4. Mai ermordete ein am Brunnenmarkt bekannter Obdachloser und wohl psychisch kranker Mann eine scheinbar zufällig ausgewählte Frau brutal mit einer Eisenstange. Seither kochen die Gemüter um den 16. Wiener Gemeindebezirk Ottakring hoch, wie es gefühlt ca. zweimal jährlich passiert. In den Tagen darauf erschienen einige Artikel, in denen ein mehr oder weniger dort ansässiges weißes Bildungsbürgertum seine Sorge äußert: Entsteht in Ottakring eine rechtsfreie Zone, in der Gewaltverbrechen sowie organisierte Kriminalität herrschen? Hat man nach der behaupteten Abschaffung der deutschen Sprache sowie dem Verkauf von Weckerln um 10 Cent nun zu viel toleriert? Brunnenmarkt, quo vadis?! (Die Artikel, auf die ich Angesichts der Klickzahlen sowie des Inhalts nur ungern verweise: )

Das gute an der österreichische Medienlandschaft ist aber doch, dass es neben Panikmache selbst in seriösen Zeitungen auch vereinzelte Stimmen gibt, die noch einer beruhigten Analyse fähig sind:

Die U6-Parabel (Olivera Stajić, derstandard.at)

In dieser Einwanderungsgesellschaft hat sich die grün-wählende, wohlhabende, privilegierte Schicht doch bis vor kurzem ganz wohl gefühlt.

Stajić bringt in diesem kurzen Beitrag die Doppelmoral vieler liberaler, eher links gerichteter Bürgerinnen auf den Punkt: Sobald Elend – und sei es auch noch so kurz – im Bezirk offensichtlicher wird, ist es mit dem Support für Migrantinnen und die Einwanderungsgesellschaft plötzlich nicht mehr so weit her. Dann wird eben doch wieder zwischen den braven Anrainer*innen, die angeblich schon seit 10.000 Jahren da sind, und den neu Hinzugekommenen, den Anderen, den Bösen unterschieden.

Der „Aktionsplan Sicheres Österreich“ kann eine Debatte nicht ersetzen (Jonas Vogt, vice alps)

An dieser Stelle muss man etwas zu Kriminalstatistiken sagen. Sie sind kompliziert, weil sie Exaktheit vorgaukeln, wo eigentlich nur Annäherung herrscht.

Schon verrückt, wie stark die Qualität der Vice in Österreich schwankt, denn plötzlich regnete es Lob für Vogt und seine reflektierte Ausführung zum Thema #U6. Er postet, was dem Autor dieses Blogs in zahlreichen Privatgesprächen zu Ohr gekommen ist: Wien ist eben doch eine Großstadt, ein kapitalistisches Ballungszentrum, und darin wird es auch mal unangenehm. Eine Einzeltat hat zudem erst mal wenig mit der Gesamtsituation eines Bezirks oder einer ganzen Stadt zu tun. Weil immer wieder mit Statistiken argumentiert wird: Well, let’s face it, Wien ist so ziemlich die sicherste Stadt Europas. Gefährlich ist es für Vogt trotzdem, wenn das subjektive Sicherheitsgefühl schwindet und populistische Antworten gegeben werden. Die nimmt mensch dann nämlich leichter an.

Ottakring und die U6 – Zwischen Katastrophenszenarien & Repression (FreedomNotFrontex)

So ist es nicht die kapitalistische Strukturierung der Gesellschaft, die Menschen ins Elend treibt – es sind die im Elend lebenden Menschen, die zum Problem gemacht werden.

Zunächst gab es falsche Antworten auf #U6, dann folgte die Analyse dieser Irrtümer, letztlich mangelte es Paul aber noch an echten Antworten auf die durchaus existierenden Probleme. Auf ihrem Blog nennen FreedomNotFrontex die Teufel dann endlich beim Namen: It’s capitalism, stupid. Und struktureller Rassismus. Denn tatsächlich gibt es einen Haufen Menschen in Wien, die nicht nur um den Hunger fürchten, wenn sie die Jause daham vergessen. Wer nicht arbeiten darf, keine Arbeit findet und nur nen Zwickl – wenn überhaupt – vom Staat bekommt, tickt eben Drogen. Zudem fragt sich der Autor dieses Blogs, wieso denn die entrüstete Anrainerinnenschaft des Brunnenmarkts nichts unternommen hat, um dem zum Mörder gewordenen Obdachlosen zu helfen? Anscheinend haben die besorgten Bürgerinnen diesen jahrelang dabei beobachtet, wie es ihm immer schlechter ging.Und sind beim Gaffen geblieben.

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