in Erlebtes, Politik, Theater/Performance

news travels fast these days, innerhalb einer Stunde waren auf den großen Online-Portalen Österreichs/Wiens bereits Artikel zur Aktion der Identitären zu lesen. Hier ein Bericht auf mokant.at, der auch einige Zeug*innen mit einbezieht und einen groben Überblick gibt. Ich selbst war anwesend und habe die Situation gestern Nacht noch recht ausgiebig besprochen. Beim Lesen und Hören-Sagen in und um die Aufführung musste ich für mich feststellen, dass ich einigen Berichten nicht zustimmen kann und auch eine andere Einschätzung der Attacke habe.

Deshalb nun kurz meine Schilderung samt Kommentar:

Am 14.04.2016 gegen 21:15 Uhr drang eine Gruppe von ca 25-35 Personen in das volle Auditorum-Maximum der Universität Wien ein. Dort fand eine öffentliche Aufführung von Jelineks Die Schutzbefohlenen statt, inszeniert von Geflüchteten mit Unterstützung einiger lokaler Theaterschaffenden. Die Aufführung sollte um 20:15 beginnen, tatsächlich gingen die Lichter erst gegen 20:40 Uhr aus. Einzelne Störer müssen sich während dem Stück bereits im Saal befunden haben bzw. durch die Portale einen Einblick ins Geschehen gehabt haben. Denn zu einem dramaturgisch passenden Zeitpunkt drang die Gruppe schnell in den Hörsaal an, im Erdgeschoss durch den Eingang links neben der Bühne (gesehen vom Publikum aus). Auf der Galerie müssen mindestens 2 Personen, zur Gruppe gehörig, bereits gesessen oder schnell zum Geländer gesprintet sein. Ich saß unten, etwas vor der Galerie, konnte aber natürlich nicht sehen, was dort oben genau vor sich ging.

Zunächst der Ablauf unten: Eine Gruppe von ca. 20 Personen, hauptsächlich wenn nicht vollkommen als männlich von mir wahrgenommen, drängen auf die Bühne. Sie schreien etwas davon, dass sie die nicht-migrantische, autochthone Jugend Österreichs seien. Wir, das Publikum, seien hingegen Verräter und Heuchler. „Heuchler!“ mit einer für mich nicht lesbaren Unterschrift war auf einem Transparent zu sehen, dass sie vor sich ausbreiteten. Sie hatten auch eine erdig-orange Fahne mit dem schwarzen Logo der Identitären Bewegung dabei. Einige Angreifer – denn ihr Auftreten war aggressiv und einschüchternd – hatten Farbbehälter bei sich, aus denen sie mit roter Farbe spritzten. Diese Aktion war von meiner Position aus nicht genau erkennbar. Die Farbe traf das Transpi, wohl ein gewollter Effekt, wurde  aber auch aggressiv gegen die Schauspielerinnen und gegen das Publikum sowie Personen der Orga und Technik gespritzt. Einzelne Personen aus dem Publikum versuchten eine Barriere zwischen den Identitären und den Geflüchteten auf der Bühne sowie dem Publikum zu ziehen. Die Schauspielerinnen flüchteten sich nach einem Moment des Schocks von der Bühne. Die Gruppe der Identitären konnte unter handgreiflichen Widerstand wieder von der Bühne und langsam durch das Portal zurückgedrängt werden, durch das sie auch eintraten. Hier soll nochmal betont werden, dass die Identitäre auf Drängen und Aufforderungen zum Gehen mit Schlägen reagierten, also physische Gewalt eingesetzt werden musste.

Gleichzeitig lief eine kleine Gruppe von Identitären, ca. 5 Personen, direkt vor die Bühne und forderte die Gäst*innen in der ersten Reihe heraus, spielte sich auf und drohte Gewalt an (ich würde es als rum-mackern bezeichnen). Tatsächlich gingen die Angreifer dann auf einzelne Personen los, die sich zur Wehr setzen mussten, um sich selbst zu schützen und die Angreifenden aus dem Saal zu bewegen. Aus zweiter Hand weiß ich von zwei Freunden, denen direkt ins Gesicht geschlagen wurde.

Zeitgleich mit diesem Geschehen auf und vor der Bühne regnete es ca 200-300 DIN A6 große Flugblätter von der Galerie herab. Darauf gedruckt war ein hetzerischer Text mit der Überschrift „Multikulti tötet“.

Die Reaktion des Publikums war für mindestens 1-2 Minuten eher verhalten- Die Leute waren verstört, da zunächst nicht eindeutig feststellbar war, ob der Einmarsch Teil der Inszenierung war oder nicht – speziell für die hinteren Reihen. Neben mir saßen Personen, welche die Flyer weiter geschmissen haben, um einen vermuteten dramaturgischen Nutzen zu verstärken. Natürlich haben die Werfer*innen später die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, als sie bemerken mussten, dass es sich um Flyer einer Neo-Nazi Gruppe handelte. Mit den Angreifern vorne setzten sich nur Einzelpersonen auseinander, nur wenige standen auf und drängten die Identitären zurück. Als die Angreifer schon fast aus dem Saal waren, konnte noch „Nazis Raus!“ sowie „Alter Antifascista!“ mit der Gewalt des gesamten Saales gerufen werden.

Nach dem Vorfall meldete sich einer der in Wien ansässigen Theaterschaffenden, der auch im Stück mitspielte, zu Wort und betonte, dass dies alles natürlich nicht Teil des Stückes sei.  Er sowie das gesamte Team seien geschockt wegen diesem Angriff. Es folgte eine Beratung im backstage sowie eine ca. zehnminütige Pause. Unter standing ovation zogen die Schaupsieler*innen letztlich wieder auf die Bühne und setzen die Aufführung fort, wobei einzelne Personen vor Schock und Angst in der Garderobe blieben. Bald traf auch die Polizei ein, welche dann die Eingänge bewachte.

Um die Situation noch zu verdeutlichen: Im Hörsaal müssen sich zwischen 450-600 Zuschauer*innen befunden haben. Auf der Bühne befanden sich im Moment der Attacke ca. 40 direkt am Stück beteiligte Personen, darunter Jugendliche, Kinder und Kleinkinder in Begleitung ihrer Mütter. Die Identitären trugen Straßenkleidung im Stil von Jeans, Hoodie/Zipper, Sonnenbrille, Kappen, Leder- oder Bomberjacken. Mehr Sneaker denn Stiefel.

Im Anschluss an das Stück folgte ein große Anzahl von Redebeiträgen. Dank an die Schauspielerinnen für ihr Engagement und für den Mut, die Aufführung fortzusetzen. Dank an das Publikum, dass man die Sache (menschenwürdige Asylpolitik bzw. Theaterschaffen von Geflüchteten) unterstütze und die Nazis letztlich aus dem Saal vertrieben habe. Statements gegen die Attacke der Nazis bzw. deren Anliegen im Allgemeinen. Erklärungen an die Schauspielerinnen, welche die Vorkommnisse nicht ganz einschätzen konnten, was hinter der Identitären Bewegung steckt. Positionierungen der ÖH (Österreichische Hochschülerinnenschaft) durch zwei Vertreterinnen, dass sie als linker Zusammenschluss gegen Nazis einstehen würden. Vorstellung von Support-Initiativen für Geflüchtete, ein call to action an das Publikum. Persönliche Danksagungen. Vor allem: Viel Applaus.

Beim Verlassen des Saales wurden beim linken Portal Zeugenaussagen, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen von der Polizei fürs Protokoll und etwaige Anzeigen festgehalten. Rechts konnten nicht betroffene Personen den Saal verlassen. Bis eine halbe Stunde nach Ende, ca 22:30 Uhr, trafen noch zwei Krankenwägen ein. Die Security der Uni war ebenso anwesend. Auf der Männertoilette neben dem AudiMax konnte ich Spuren der roten, beim Angriff verwendeten Farbe im Pissoir feststellen. Vielleicht haben die Identitären dort die Farbe angerührt/verteilt/umgefüllt/getestet. Vielleicht hat sich aber auch nur jemensch mit einer Wasserflasche Arme/Hände/Gesicht über dem Pissoir gewaschen, um das Waschbecken nicht zu verschmutzen. Die Veranstalter*innen haben vor herumstreifenden Nazi-Grüppchen gewarnt, angetroffen habe ich aber glücklicherweise keine.

Nun noch eine kurze Einschätzung zum Angriff:

Zunächst kam der Einmarsch der Identitären für alle Beteiligten völlig unerwartet, entsprechend zaghaft waren die Reaktionen. Viele Anwesenden wussten vielleicht auch überhaupt nicht, was genau für Gestalten da auf die Bühne stürmen. Diese Umstände sind bereits insofern bitter, weil mensch damit hätte rechnen können. Ich habe bei Vorträgen zum Treiben von Burschenschaften in Österreich bereits Saal-Schutz erlebt, und da waren nur ca. 40 Personen anwesend. Offensichtlich gab es keine Personen, die vor den Eingängen während dem Stück ein Auge auf die Situation hatten. Dass die Orga es für unwahrscheinlich, undenkbar hielt, dass es zu so einem Eingriff kommt, kann ich durchaus schon verstehen. Angriffe auf Kultur-Events dieser Größenordnung scheinen mir nicht Alltag der heutigen Uni Wien zu sein. Ich weiß zumindest von keinen vergleichbaren Fällen in jüngster Zeit. In Zukunft ist wohl aber (wieder) damit zu rechnen. Attraktiv in Sachen hervorgerufener Aufmerksamkeit, Machtdemonstration und potentieller Verbreitung der eigenen Inhalte war diese Aufführung für die Identitären natürlich.

Die mangelnde Erkenntnis der Zuschauer*innen, dass gerade Nazis kultur-rassistischer Prägung den Saal stürmen, zeugt wohl davon, wie wenig über diese Akteure außerhalb einer Antifa Recherche-Szene bekannt ist. Hier ist Aufklärung und Informationsweitergabe gefragt.

Es stellt sich mir überhaupt die Frage, wie es eine Gruppe von 30-35 Personen wagen konnte, einen Saal mit mindestens 400 anzugreifen. Auf Sympathie konnten die Identitären nicht hoffen, die Anwesenden würden sich doch zumindest mit #refugeeswelcome auf sozialen Netzwerken taggen. Hätten alle rechtzeitig und entschlossen reagiert, wäre ein Einkesseln der Gruppe möglich gewesen und mensch hätte die Nazis im Anschluss an die Polizei übergeben können. Das wäre auch aus politischer Sicht eine Errungenschaft gewesen, hätte es doch Strafanzeige für alle Kerngestalten der Identitären bedeutet. Zudem hätten es neue Fakten für die Recherche von Neonazis in Wien gegeben.

Tatsächlich aber konnten die Eindringlinge nur mit Mühe nach 10 Minuten Rangelei aus dem Saal gedrängt werden. Und das auch nur durch den Einsatz von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe (Zahl kann ich nicht genau angeben, maximal 50 Leute), wobei die Aktivist*innen blaue Flecke einstecken mussten.

Zu feiern ist also nichts. Dennoch hat sich das Kollektiv nach der Aufführung ausgiebig selbst beklatscht. Was für mich auch etwas grotesk ist, denn der Titel des Stücks ist durchaus wörtlich zu nehmen: Stehen Geflüchtete auf der Bühne, so sind diese Schutzbefohlene, und müssen sicher sein. Das konnte die im Saal anwesende politische Bewegung nicht garantieren. Und wenn der Staat schon – Pardon – drauf scheißt, hätten wir das leisten müssen.

So lautet das Schlusswort: scheitern & verstehen. Zum Glück ist meines Wissens niemand dauerhaft zu Schaden gekommen. Die Ermittlungen zu den Täter(*innen) der Identitären Bewegung verliefen gestern Nacht noch ins Leere, hier wird es hoffentlich noch Klarheit und rechtliche Konsequenzen geben.

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