in Gekritzel

das l-wort und andere woelfe im schafspelz

Dieses Stück Prosa steht in Verbindung zu „das k-wort und andere irrwege“ und ergänzt das Universum um eine weitere Episode – wenn auch unter einem anderen Stern.


 

Das Brummen der elektrischen Kaffeemühle kriecht vorbei am Türschlitz ins Schlafzimmer. Der Geist erwacht, Marie kontert mit einem Blick auf den Digital-Wecker, 4:56 Uhr. Sylvia scheint eine Atomuhr eingebaut zu haben. Um Punkt 5 Uhr klingelt der Wecker, aber gehört hat sie das noch nie. Seit sie Sylvia kennt, hat ihre Frau immer überpünktlich auf den Wecker eingeschlagen und diesem somit seine Existenzberechtigung beraubt. Suizidfälle bei elektronischen Geräten sind ihr glücklicherweise nicht bekannt. Die Mulde auf Sylvias Seite der Matratze ist noch warm, sie nutzt die Gunst der Stunde und rutscht rüber. Für Sylvie weiterschlafen und dabei den Wecker noch neidischer machen: Denn Marie lässt sich wecken, muss geweckt werden, auch wenn das schnell geht. Diese Aufgabe übernimmt aber nicht der Wecker, sondern ihre Frau per Anruf. Ausgemacht ist 9 Uhr. Sie ruft immer um 8:58 an, am zweiten Cappuchino schlürfend.

Was sie nie bei ihrem Lieblingssong zugelassen hätte, ließ sie also bei ihrer Gattin geschehen: Tag um Tag reißt sie Marie aus dem kleinen Tod, und das gleich zweimal. Sylvia weiß nur vom Anruf, nicht aber vom Türspalt. Seit Jahren ist sie der Überzeugung, das Schlafzimmer stets lautlos zu verlassen und die Tür fest zuzuziehen. Doch das Holz ist verzogen und nach ein paar Augenblicken gleitet das Türl langsam einen Spalt weit auf. Sylvia kann das nicht bemerken, sie wirft den Presslufthammer in Form der Braun-Kaffeemühle an und kehrt nicht mehr ins Schlafzimmer zurück.

So bleiben die folgenden 4 Stunden, welche Marie im Bett verbringt, ihr Geheimnis. Und zwar ein Dunkles. Denn sie hat Panik, schwitzt, die Medikamente lassen nach und sind doch noch wirksam. Dahinsiechen zwischen Hier- und Jenseits. Ein dumpfer Kopfschmerz. Und trotzdem muss sie denken, immer dasselbe, auf der Suche nach einem Ausweg. Sie darf nicht geweckt werden, um gesund zu werden. Sie wird geweckt, weil sie geliebt wird. So ist sie krank, wegen der Liebe. Und sie kann nicht an dieser Liebe genesen, weil die Geliebte nichts weiß von der Krankheit. Und klärt sie über die Krankheit auf, so würde sich Sylvia sicher anstecken. Also Quarantäne.

Es liegt auch nicht allein an der Tür. Der Lattenrost kracht, weil eines von vier stützenden Biertragerln zu hoch ist. Das Trauben-Nuss Müsli zum Frühstück verklebt ihr zunehmend den Rachen, zu viele Nüsse und Flocken und Trauben haben sich dort über die Jahre angesammelt. Das Plappern der Nachbarn durch die Pappwände, sie versteht es nicht, zudem ist es so leise, dass es plötzlich wieder verschwindet. Hört man es gerade? Der Schwindel in ihrem Kopf, ihre Tage, die fiese Tischkante, an der sie sich immer den Nerv anschlägt.

Und dann kommt der Anruf: Hallo Schatz, ich hoffe du hast gut geschlafen. Ich bin schon ein bissi auf und trinke schon wieder Kaffee. Marie trinkt auch, ein Glas Wasser, dass sie sich heimlich aus der Küche geholt hat. Denn eigentlich schläft sie ja noch. Gähnt, danke Sylvi, ich bin noch etwas Schlaftrunken.

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