in Gekritzel

das k-wort und andere irrwege

Der Versuch, den Weg ins Unbekannte beschreibend zu beschreiten. Ausgeführt an Einzelschicksalen, vom Autor als Andere imaginiert – und doch Teil seiner selbst. Denken macht unglücklich.

institutsfeier soziologie

Du sollst dir keine Bilder von ihr machen. Also denk nicht daran. Oder nein, denk an die Bilder von ihr, so fest und solange, bis dort nichts mehr ist. Mit einem Objektiv so stark fokussieren, dass das Bild wieder unscharf wird. Eingeklemmt zwischen Leibern stützt er sich an den Fahrkartenautomat der Bim. Das Smartphone ist noch klein genug, um den Pin-Code einhändig eingeben zu können. Er sucht Ablenkung in den bunten Bildchen auf seinem Homescreen, versucht das Bilder-Verbot mit so vielen Fotos zu überschwemmen, dass von den großen Träumen nur noch Katzen, Muffins und Leute in Pyjamas übrig sind.

Aber er kann sich nicht mehr darauf einlassen. Kreisrund wie der Home-Button sind die Denkbewegungen, die Lade-Symbole, die Nachrichten-Abfolgen, die Öffi-Fahrten. Seitdem er sich mit dem Gedanken angefreundet hat, ist alles so unendlich mühsam. Eine Banane am Morgen, und morgen wieder, und am Sonntag auch, 7 Bananen für 7 Tage. Derselbe Wochenplan über Wochen hinweg, dann eine kurze Verschnaufpause, dann nochmal von vorn, in der Hoffnung auf die nächste Verschnaufpause. Selbst das Ausbrechen aus dem Loop ist Teil des Kreislaufs. Er kann sich nicht mehr darauf einlassen, weiß nicht mehr, ob er Zeit hat oder nicht und ob er sich wirklich Zeit nehmen will. Das Verbotene will er sich vorstellen, davon handeln seine Gedanken.

Stephansplatz – und anstatt die drei Stufen mit Schwung zu nehmen, purzelt er mit den anderen Leuten aus der Bim heraus. Es hat schlaue Leute gegeben, er kennt spontan nur alte Männer, die schlaue Bemerkungen zu dem gemacht haben, was er überall sieht. Die blinkenden Passagen als unabgegoltene Utopie. Er versteht den Gedanken, denn wem kommen nicht die Tränen, wenn man in ein Schuhgeschäft starrt. Auf die vielen, vielen Regale, auf diese unendliche Anzahl an Sohlen. Neue Exemplare mindestens viermal jährlich – oder wenn Kanye West wieder Geld braucht. Tausende Schuhe pro Filiale, mehrere Filialen pro Bezirk, hunderte pro Stadt, Tausende pro Land. Ganz schön viele Multiplikatoren. Aber es sind eben nur Schuhe, Taschen, Plasma-TVs oder Rennräder – und keine neue Welt.

Er macht eine Kehrtwende zum Würstelstand und bittet um ein Gösser, die Frau im Hosenanzug links am Tresen hat sich für Wieselburger entschieden. Es gibt die Option, das Bier aus einem Ottakringer Plastikbecher zu trinken, wenn man am Stand bleibt. Er aber zieht weiter, er hat es eilig, vorbei an sich besaufenden Männergruppen und Angestellten auf dem Nachhauseweg. In der Urania findet ein Vortrag über die neu entdeckten Gravitationswellen statt, bereits seit einer Woche mehrmals täglich. Eine rote Kordel hält die interessierte Horde aus Studierenden, Hausfrauen, Ehepaaren und Nerds in Schach. Mit Hilfe der Gravitationswellen ist es der Astronomie möglich, noch viel weiter in das Universum zu sehen. Durch das Fernrohr der Sternwarte zu blicken, erscheint wie ein Blick in eine ferne Zukunft, denn wir sehen uns als zukünftige Eroberer des Weltalls. Dabei ist das völlig falsch: Wir blicken zurück in die Zeit, tausende Lichtjahre. Werden wir uns in der Zukunft noch für andere Himmelskörper interessieren? Das NASA-Programm steht jedes Jahr wieder in Frage, denn eigentlich ist es bescheuert, Milliarden zu investieren, wenn die Bevölkerung nicht krankenversichert ist.

Die Hoffnung auf das Paradies packt sicher jede Person in diesem Raum. Die kindliche Vorstellung, dass sich im Okular plötzlich lustig dreinschauende Aliens spiegeln könnten, heimisch in einer Galaxie, in der Milch und Honig fließen – und die Autos fliegen. Wesen, die uns zeigen, wie man Mensch ist. Doch sobald der Gummi nicht mehr perfekt um das Auge schließt, spiegeln wir uns selbst im Glas: Leere, Feuer, Tod, soweit das Fernrohr reicht. Die bittere Erkenntnis, das wir nicht hoffnungsvoll in das Universum blicken, sondern das Universum hoffnungsvoll auf uns: Wo, wenn nicht hier, kann es Leben geben.

Nach diesem Dosenbier, es ist bereits das Dritte, kann er dem doch sehr theoretischem Vortrag eh nicht mehr folgen. Die leuchtenden Augen des Publikums sind weitaus interessanter. Ein Kind in extra angezogenen, besseren Klamotten, starrt gebannt auf den nie enden wollenden Strom aus PowerPoint Folien. Vielleicht ist es so gespannt, weil es wirklich Menschen gibt, die das Weltall ihrer bunt bebilderten Bücher erkunden. Vielleicht kann sie, es ist ein Mädchen, sich von diesem Planeten retten – bevor sie verkrüppelt wird. Er jedenfalls schleicht sich aus dem Saal, er hat sich dafür geschickt am Rand platziert. Die Schnallen des Rucksacks streifen den Stuhl aus Kunstleder und Aluminium.

Es wird Zeit, sich der nächsten Flüssigkeit zuzuwenden: Staubtrockener Weißwein aus der Toscana, abgepackt in einer großen Flasche. Mit der Pulle in der Hand Richtung Flex.

fleischerei im billa

Pizza-Leberkäse im Vollkorn-Weckerl, schneide ich ihnen auf, ist das alles? Sie muss in der Begegnungszone zwischen Backwaren-Duft und Fleischsäften arbeiten, an ihren Händen klebt beides. Einweg-Handschuhe anziehen, Leberkäse nehmen, Fleischermesser zücken, Handschuhe ausziehen, in den Mistkübel pfeffern, Einweghandschuhe anziehen, Brotmesser zücken, Das Fleisch zwischen das Brot, Einweghandschuhe ausziehen, in den Mistkübel pfeffern, Einweghandschuhe anziehen, die Jause ins Sackerl stecken, wiegen, Bon ausdrucken, der Kundin übergeben. Wer als nächstes? Sie ist auf der Suche nach einem Rhythmus, dem universalen Rhythmus. Es muss ein Schema geben, durchaus kompliziert, aber eben ein bestimmtes Muster, nachdem sich die Bestellungsabfolge von Wurst, Backwaren und Kaffee an dieser Theke immer und immer wieder wiederholt. Auch die ganzen Bestellidioten, die Ketchup fordern, nachdem das Weckerl schon im Sackerl ist, müssen Teil des Plans sein.

Leider machen es ihr die Menschen nicht einfach: Die aller Meisten reihen sich auf, wie am Schnürchen. Viele Vorurteile und passende Reaktionen konnte sie bereits bestätigen: Männer in Arbeitshosen haben noch nie eine Nussschnecke verlangt. Niemand von den Studis mit Designertasche kauft einen Verlängerten. Sobald jemand länger zwischen Muffin und Topfengolatsche schwankt, wird es immer die letztere. Aber dann gibt es Träumer wie diesen Kunden. Typ Will-Alles-Gut-Machen. Bitte, Danke, klare Bestellung, schnelles Entgegennehmen der Ware, auf Wiedersehen. Perfekt eigentlich, Nummern wie er fügen sich ein in ihre Weltformel. Aber dann kommt er nach 10 Minuten wieder, seinen Cappuchino bereits draußen verdaut, und bestellt erneut. Diesen Leberkaas da, im Weckerl. Also zum Bestellidioten geworden? Welches Weckerl? Das Normale eben. Eh klar, bei einem ganzen Regal an Weckerln such ich dir jetzt dein Normales raus. Eine Kaisersemmel also, nix Weckerl. Und er deutet wohl auf den Pizza-Leberkäse. Zu allem Überfluss ist er auch noch verstimmt, in seinem Kopf rast es, seine Augen drücken Schmerz aus. Er meint nichts anzudeuten, doch sein ganzer Körper plärrt den Frust nach draußen.

Diese Tage machen sie fertig. Seitdem sie ihre Nächte vor dem Computer verbringt, versucht sie ein bugfreies Programm in diesem Supermarkt-System zu sein. Morgens um 07:00 Uhr will sie starten, Nachmittags um 04:00 dann quit befehlen. Dazwischen unendliche, schöne, weiße Reihen aus reibungslosen Abfolgen. Den Bedarf an Flüssigkeit, Nahrung und Toilettenzeit hat sie bereits perfektioniert. Ihr Wortschatz ist auf die universalen, kurzen, leichten Phrasen beschränkt. Bei den Kolleginnen rangiert sie zwischen Unbemerkt und freundliches Grinsen. Es wäre perfekt, sie könnte einfach diese 9*20*52*40 Stunden Arbeit von der Haltbarkeit ihres Organismus abziehen, und sich damit abfinden. Aber Kunden wie dieser verlotterte Student lassen sie beim Arbeiten Fehlermeldungen ausspucken. Schmerzlich muss sie feststellen: Sie ist auch nur ein Mensch.

gehirntod im flex

sunday. monday. tuesday. wednesday. thursday. friday. saturday. love. sunday. monday. tuesday. wednesday. thursday. friday. saturday. love. Ein abgehalftertes Sample plätschert seit vielen Minuten über den konstanten 4/4 Takt, 4 on the floor. Es kommt immer wieder, es wiederholt sich über die verschiedenen Phasen dieses einen, lang gezogenen Liedes. Und das Sample selbst ist nur die Wiederholung eines immer selben Kreislaufs. 5 beschissene Tage werden gegen 2 Nächte getauscht, Woche um Woche, Jahr um Jahr, abgesehen von den Pausen, die man seinem Gehirn zugestehen muss. Dicke, tiefe Rauschwaden aus ihrer Nase gesellen sich zum haze auf dem dancefloor. Sie mag den Geschmack des Hasch auf ihren Schleimhäuten, die Öfen dreht sie so leicht, dass sich den ganzen Abend über rauchen lässt. So muss man den Schweiß der anderen nicht riechen.

No conversation on the dancefloor. Es gibt allerlei weitere Regeln. Tanzen ist eine einzige Negation, sie will alles von sich streifen, bis nur noch Musik bleibt. Das zu erreichen, ist ganz einfach: Trinken, ziehen, schlucken, bis nichts mehr im Schädel ist. Nichts als Bassdrum, Hi-Hat und Snare. Den eigenen, tauben Körper dazu tanzen spüren. Musik ist so etwas Verrücktes. Sie steht hier mit hundert Anderen, und hebt ein Bein ums andere, für Stunden. Es macht Sinn, denn sie haben sich eh nichts zu sagen. Höchstens Körper können sprechen. Nicht irgendwelche, sie teilt aus, wenn gegrabscht wird. Sie begehrt einen ganz bestimmten, und ihr Handy teilt mit, dass er auf dem Weg ist. Verrückt ist auch das Vertrauen in jemandem, die Vertrautheit überhaupt. Neben ihr stehen lauter Leiber, die Gäste sind zudem unverschämt schön. Dennoch kann sie sich nur auf ihn einlassen, erst recht im Rausch. Sie ist fokussiert auf das Wesentliche, die Bewegung, und den Partner darin, welcher ihr vertraut ist.

Um sich nach etwas anderem umzusehen, muss man zuerst zweifeln. Und dafür ist es viel zu neblig. Schwerer Rauch über dem Beton, dichte Nebelschwaden verdecken das Bewusstsein. Ja, auch das ist verrückt: Woche um Woche muss sie das Denken besiegen, um mit der Masse glücklich zu werden. Darin sind sie sich gleich, darin lebt das Freiheitsversprechen vom Ecstasy der 90s weiter: Vergiss dich selbst und finde dich wieder, in einem Mehr. Sie stellt fest, dass sie das Vibrieren verpasst hat, Nachrichten, zahllos, ein Meer von Emojis erscheint dort auf dem Screen. Ein sanftes Streichen über ihre Schulter, des Rätsels Lösung, die Symbole haben seine Ankunft vorausgesagt. Sie umfasst seinen Kopf mit ihren Händen, die Hüften im Takt, präsentiert ihr dummes Lächeln.

sunday. monday. tuesday. wednesday. thursday. friday. saturday. love. Er scheint das vollkommen zu verstehen, zumindest tanzen es seine Lippen und Beine. Es ist schrecklich, dieser Spiegel nimmt ihr den Zauber. Sie ist nicht dicht genug, gefangen im Spiegelstadium, sieht die eigene Leere in ihm. saturday. love. Eisige Arme geschlossen zu einer Umarmung, keine Metapher, er ist tatsächlich sehr kalt. Trunkene Geständnisse, gefischt aus demselben Brunnen, aus dem sie nur Sekunden zuvor trank. Wie soll sie mit jemanden ficken, der einen Kübel voll Tränen vor sich trägt? Sie sind alle traurig, dieses ganze Lokal. Hinter dem hohlen Lächeln prangern komplizierte Formeln in den Ritzen, Furchen und Pupillen. Wir brauchen die Chemie als Mittler, Mutter: Gib uns Endorphine, nur für eine Nacht. Und die nächste.

when was the last time you sweated on a dancefloor?