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Sie fuhren nach München #01

In einem kleinen Flitzer einer südkoreanischen Marke brausen sie über den bayerischen Highway, auf dem es eigentlich kein Limit gibt, aber der Tacho springt höchstens auf 130. Die Servolenkung ist immer wieder ein Traum, nachdem er Jahre lang mit einem Beinahe-Oldtimer rückwärts-seitwärts eingeparkt ist. Auf dem Beifahrersitz ein alter Freund, in München werden sich die Wege sogleich trennen, doch auf der Autobahn ist Zeit zur Wiederaufnahme der Verbindungen. Lernt man beim Reisen nicht immer nur seine Begleitung kennen – und nicht den bereisten Landstrich? Wenn man alleine ist, wird man eben auf sich selbst zurück geworfen. Angekommen im Münchner Stadtgebiet wird die Fahrbahn vierspurig und nicht angehupt zu werden ist die Ausnahme, das Fanfaren-Konzert die Regel. Vor lauter Stress schert er in einen Parkplatz frontal ein, das Auto ist so kurz, es steht eh kaum über. Warnblinker an und schnell hinfort.

Doch die nächste Herausforderung stellt sich sogleich in den Weg: Der Ticket-Automat der Münchner Verkehrsgemeinschaft. Die Zielhaltestelle ist notiert, die richtige Linie schnell gefunden. Doch was sind Ringe, was sind Zonen, wie hängt das alles zusammen? Zwei Einheimische stellen sich bei der Ticketwahl zur Verfügung, was nichts bringt, denn am Ende steht er da mit einem überteuertem Tagesticket für alle Ringe und Zonen, gültig für diesen Tag bis 6 Uhr Früh. Es ist leider schon 7 Uhr Abends. Und das Börsel nun fast schon leer. Auf dem Weg ist dann mehr los als in Wien, vielleicht liegt es aber auch nur am schlechten Design der Haltestellen. Leute warten, wo andere vorbeimüssen. Die zwei Bier in seinem Rucksack klimpern gefällig, doch will er sie nicht verbotenerweise im Wagon anbrechen – es gilt einen guten Eindruck in der Metropole zu hinterlassen.

Endstation Fürstenried West. Während der Fahrt hat er etwas Fieber in sich aufglühen gespürt, was nun mit beinahe kalten Chiemseer gelöscht wird. Aber da ist eh schon die Freundin, um ihn in Empfang zu nehmen. Die erste Umarmung seit Paris, und diesmal ist nur er im Ungewissen, denn sie kennt sich blendend aus. Der Stadtrand ist aufgebaut wie sein Provinznest. Zwischen einigen Plattenbauten der 60er Jahre steht ein großer Kiosk, betrieben von einer Familie, die nicht von hier ist. Oder zumindest denken so die anwohnenden Rentner, denn natürlich wohnt die Familie dort schon lange und der Kiosk steht nicht erst seit gestern. Ihre Bleibe ist sogleich erreicht, freundlicher Handschlag mit der Mutter, das halbleere Bier noch in der Linken.

Des Nachts brausen sie wieder in die Innenstadt, nachdem sie und er Chili sin carne und noch ein weiteres Bier getrunken haben. Eine Freundin der Freundin gesellt sich dazu, sie ergeben ein heiteres Trio. Und er stellt sich vor, wie es so hunderte Male von statten ging, nur ohne ihn, den Besucher. Zwei Bars gibt es auszukundschaften, die eine ist someone’s kitchen, die andere benannt nach einem alten Ofen. Die erste ist leider gsteckt voll, lustig ist, dass es einen Bademantel für Raucher gibt. Die müssen in Bayern ja vor die Tür, wie nasse Hunde. Sie machen sich also auf zum Ofen, wollen noch Bier am Kiosk kaufen, finden den nicht, kommen nüchtern an. Im Alten Ofen sind die Decken hoch, 4m, da fühlen sich die Wiener wohl. Ein Geburtstag wird gefeiert, die Hälfte des Lokals ist ein einziger Tisch – und es ist eine sehr große Kneipe. Beim Reinkommen kreuzte ein Kellner beladen mit Fleischpflanzerln und Quark ihren Weg, eine Kollision konnte glücklicherweise abgewendet werden. Ihre schmalen Leiber finden Platz auf dem Ecksofa, zwischen den gstandenen Münchner Kerlen und Damen in dicken Mänteln.

Ein wenig anders sehen sie schon aus, die Münchnerinnen und Münchner. Was natürlich auch daran liegt, dass er nun überhaupt darauf achtet und es in seinem Wiener Leben kein Äquivalent zum Alten Ofen gibt. Die Farb-Palette reicht mehr ins Grün-Braun, zudem sind Caps von amerikanischen Hip-Hop Marken trendy. Der all-black Architekten/Germanisten-Look hingegen ist abgedrängt auf Platz 3. Aber nun zum Bier, denn dafür – zusammen mit Brezn – fährt man schließlich nach Bayern. Eine Paulaner Weiße ist dann doch um Meilen besser als ein Drittel Ottakringer für 3,80. Aus den Bookshelf-Boxen kracht Electro im 4/4-Tempo, wobei nur die höchsten Hi-Hats hörbar sind. Weil sie sich nicht alle so lange kennen, sondern jeweils nur zwei von drei, verläuft das Gespräch in Etappen. Sinnen über die forerunner der Pop-Musik als Idole der Jugend, dazu hat jeder etwas zu sagen. Ihm sagt Grimes nicht, daham über Spotify merkt er dann, dass er die Musik schon viele Male gehört hat.

Auhören, wenn es am schönsten ist, der erste Tag Minga muss ja nicht bis zum Sonnenaufgang dauern. Im Freistaat ist leider McDonald’s der einzige Essens-Lieferant um 2 Uhr Nachts, weshalb sie über der 1€-Karte schmökern. Kirsch-Kakao-Tasche und McSunrise. McSunrise, ein klangvoller Name für ein bisschen Dickschaum ertränkt in Karamell. Da noch etwas Zeit ist bis zur nächsten Bahn, gehen sie eben noch ein Stück, der Verdauung zur Liebe. Schlecht wird ihnen natürlich trotzdem. Daheim dann einstempeln und ab auf die Matratzen. Morgen Früh gehts zum Mistplatz.

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