in Politik

Dieser Text ist polemisch und fiktional verfremdet. Es handelt sich nicht um ein Gedächtnisprotokoll. #nowkr bezieht sich auf den Hashtag, unter dem weiterhin über die Proteste gegen den WKR-Ball in Wien (Wikipedia) berichtet wird. Das gleichnamige Bündnis hat sich 2015 aufgelöst (siehe abschließende Gedanken auf der Homepage des Zusammenschlusses).

Foto-Credit: David Prokop für VICE.


 

Am Abend zuvor entschied er sich, doch an Aktionen gegen den Burschi-Ball in der Hofburg teilzunehmen. Der Beschluss fiel vor dem Screening der Doku Jedes Jahr Nie Wieder im Schikaneder. Die Produktion zweier Studenten ist eine Retrospektive des WKR-Balls und den verschiedenen Widerstandsformen, die sich gegen die Party der rechstradikalen Eliten wendeten und wenden. Das Fazit ist so ernüchternd, wie es der Titel bereits zum Ausdruck bringt: Egal wie energisch auch der Widerstand, die Hofburg blieb uneinnehmbar. (Ob der WKR-Ball tatsächlich noch internationale Relevanz für Faschist:innen aller Länder besitzt, ist allerdings zu bezweifeln) Dieses Jahr mobilisierte nur noch die Offensive gegen Rechts als breites Bündnis zu einer Latsch-Demo. Der linksradikale Zusammenschluss #nowkr entschloss 2015 zum letzten Mal in den Ring gegen den Ball zu steigen, nachdem ihre politische Arbeit in einem Hagel an Repressalien zertrümmert wurde. Aber das kann ja nicht bedeuten, dass 2016 alle Leute dem Protest fern bleiben, die 2015 noch mobilisiert werden konnten. So stand er eben doch um 17:00 Uhr am Schottentor, wo sich das übliche Bild eines Demo-Treffpunkts ergab: Fahnenmeere der Parteijugend, trotzkistische Gruppierungen mit proletarischem Eifer, die Linkswende: Sie finden sich in Pulken zusammen und dazwischen irren mehr oder weniger schwarz Gekleidete, auf der Suche nach ihren Leuten. McDonalds und das AudiMax Buffet machen Rekordgewinne mit Fritten und Dosenbier. Er freut sich sehr über seinen Gutschein über große Pommes für 1€. Tröpfchenweise treffen auch seine Freundinnen und Freunde ein, der Lautwagen fährt in Position und eine Entscheidung muss her: Latschen sie nun mit der Demo den Ring entlang – wohlgemerkt in die falsche Richtung, sich von der Hofburg wegbewegend? Jemand auf Twitter hatte die Demoroute scherzhaft auf eine Dauer von 6 Stunden geschätzt und freundlich darauf hingewiesen, dass sich die Strecke Uni -> Hofburg in 20 Minuten gehen lässt – wenn mensch eben richtig rum geht. Der besagte Twitter-Account sollte Recht behalten.

Sie teilten sich auf, ein Teil wollte sein Glück abseits der Route erproben und nach spontanem Protest Ausschau halten. Er gesellte sich dazu. So hasten sie Richtung Schwarzenbergplatz entlang der Sperrzone, die von der Polizei ausgerufen wurde. Tatsächlich war jede einzelne Querstraße, die auf den für Normal-Bürger:innen untersagten Teil des Rings geführt hätte, bereits abgesperrt. Die Gitter werden übrigens von derselben Firma verliehen, die auch der größte Provider für Plumps-Klos in Österreich ist. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren wurden auch keine Leute durchgelassen, die wegen Mantel und Hut natürlich nicht zur Demo gehören konnten (denn für anständig gekleidete Bürger:innen ist es undenkbar, Nazis die Party versauen zu wollen). Sie mit ihren Hoodies und Windbreakern lungern so in großem Abstand zueinander entlang der Absperrgitter. Bis zum Stephansplatz können sie keine anderen Menschen ausmachen, die anderes vorhaben als noch einen Kaffee oder ein Kleid zu kaufen. Mit der U-Bahn zum Karlsplatz. Dort Ausnahmsweise das Handy angeschaltet – der Funkverkehr wurde an diesem Abend von der Polizei überwacht – und Genoss:innen in der Demo angerufen. Sie kriechen vor sich hin, noch weit vom Stubentor entfernt. over and out. Auf Twitter steht, dass die Demo von der Polizei wie auf Schienen geführt wird. Eine Gruppe, die wohl danach aussah, als ob sie unter politischem Protest keinen Stadtbummel verstünden, fand sich bereits komplett von Polizisten umgeben. Zu einem Kessel kam es wohl nicht. Völlig durchgefroren kommen sie als Bewegungs-Freie endlich am Schwarzenbergplatz an, wo in den vergangenen Jahren immer wieder Taxis mit Burschis blockiert wurden.

Totenstille, die einzigen Geräusche kommen vom Verkehrsstau und den genervten Hupen. Weit und breit keine Menschen zu sehen, die nicht in den McDonald’s gehen. Sie entschließen, ebenfalls in den McDonald’s zu gehen. Auf der Toilette kommen so Aktivist:innen und Polizisten zusammen, in Kampfmontur rangieren die Ordnungshüter:innen mühsam durch die enge Sanitäranlage. Abschätzige Blicke ernten, dafür Gesprächen von Kollegen am Pissoir lauschen, irgendwo zwischen erleichtertem Grunzen und Servaaaaas. Handy wieder an, die Timeline neu laden. Die Demo ist wohl kurz vor dem Gartenbau, Kinobesucher regen sich zumindest über den Lärm auf. Also ab zum Stadtpark, der die Außengrenze der Polizeisperre markiert (der Ring war tatsächlich vom Schottentor bis zum Gartenbau für Normalsterbliche gesperrt). Von einer Böschung aus können sie auf die Demo blicken. Voran geht die Polizei, hinten schließt sie ab. Ein Teil der Demo wird zudem mit Beamten:innen an den Seiten begleitet, wobei die bewachte Personengruppe willkürlich gewählt scheint. Über den Rand des Zuges starren die Selfie-Sticks der Exekutiven mit neugierigen Blicken. Der Funk-Überwachungswagen steht am Hotel Intercontinental, darüber kreist ein Heli. Brav ziehen die Menschen an der Böschung des Parks vorbei, Block für Block, mit den einheitlichen Fahnen. Jemand trägt ein „Heimat für Alle“-Schild (in bunten Lettern). Angeführt wird der Zug vom Lauti, auf den ein Animateurs-Duo den Ton angibt. Über das Krächzen der Störgeräusche hinweg tönt es: Strache raus, Strache raus. Zeigt den Burschis, was ihr von ihnen haltet. Er stellt für sich fest, dass die Mittelfinger der Demonstrierenden aus dieser Distanz wohl mit keinem Tele-Objektiv der Welt von der Hofburg aus erkennbar sind. Überhaupt ist das zeigen des Stinkefingers schon zu gefährlich. Und wohin überhaupt mit Strache? Raus aus Wien, ab nach Graz? Aber zumindest gibt es noch hard facts zur Politik der FPÖ aus den Lautsprechern, als ob die Begrenzung der Mindestsicherung auf 400€ der einzige Grund wäre, den Burschi-Ball verhindern zu wollen. Aber die umgedichteten Fangesänge samt Füße-Stampfen und Klatschen lassen eh vergessen, dass es sich nicht um eine Parade handelt. Kalt läuft es ihm den Rücken hinunter, wenn er an die Stadiongesänge in der Eishalle seiner Heimat denkt: Ob die Leute nun „No, No, No FPÖ“ oder „Deine Mutter / ist ne Schwuchtl“ rufen, klingt in dieser massenhaften Kakophonie gleich.

Ab Karlsplatz geben sie sich in ihrem autonomen Aktionsplan geschlagen und stoßen zur Demo: Es ist 20:00 Uhr, die aller meisten Ballgäste sind längst in der Festhalle. Die OgR (Offensive gegen Rechts) scheint das nicht zu jucken: Wie toll es hier ist, 8000 Leute auf der Straße, ein starkes Zeichen, ein starkes Zeichen. Als dann zum wiederholten Mal zu einer gesungenen Soul-Version von „Refugees Welcome“ angesetzt wird, zieht er die Kapuze ganz tief ins Gesicht. Er will auf Bildern nicht als Teil dieser Volksmob-Epiphanie erscheinen. Am Museumsquartier angekommen setzen die Pilger schließlich zu ihrem Abschlussritual an: Die Massen gehen auf die Knie, in hypnotischem Sing-Sang „Alerta, Alerta, Antifascista!“ anstimmend, um sich schließlich in einem energischen Sprung in die Vertikale zu entladen. Das hat man jetzt aber sicher bis zur Hofburg gehört. Beim nächsten Mal einfach Briefe schreiben, die kommen sicher an? Ihm wird ganz schwindlig, will nur weg von diesen symbolischen Antifaschist:innen, die nun vollständig im Kollektiv aufgegangen sind – noch behaupten sie zumindest, es wäre ein linkes. Ihre Friedfertigkeit ist so militant, er fürchtet Tritte, sollte er heute noch wagen, sich aus den Fängen des Karnevals zu befreien. Alerta, Alerta, Faschist:innen dort in der Hofburg: Es ist geschafft, die kümmerliche antifaschistische Bewegung Wiens fühlt sich in ihrer Polizei-Kette so wohl, dass sie auch noch marschieren werden, wenn ihr euch längst woanders trefft. Des feelings wegen, des Symbolcharakters wegen. Friedliche Co-Existenz. Nächstes Jahr gibt es eine Grußbotschaft an die Ballgäste und umgekehrt. Auf eine schäumende Fete!

 

 

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