in Gekritzel, Rausch

9 to 5 a.k.a. open end (prose)

Zwischen ihnen der Reiserucksack. Mal fällt er zur einen, dann zur anderen Seite, abbiegen, erst links, dann nach rechts. Dem Straßenverlauf folgen. Diese Karre ist tatsächlich ein Automobil, wir haben im Handbuch nachgelesen. Das Rührei vom Morgen schwabbelt bei 140 km/h auf der Autobahn, er wünscht sich gerade auch Freilandhaltung anstatt dieses Käfigs. Twix für 2€, im mong kimmts ois zam. Grenzüberschreitung wird im 21. Jahrhundert durch das Aussetzen von LTE am Handy spürbar – zumindest als Weißer. Gezwungenermaßen blättert er also durch einen Roman über den Tod und die Urkatastrophe des vergangenen Jahrhunderts. Lesen allerdings ist bei dem Gewackel viel zu anstrengend.

Die Tür knallt zu, das Auto fährt davon und die Straße bleibt leer zurück. Er steht bei PC-grauen Himmel vor dem Haus, in dem sein Denken begann. Erinnerungen davor sind nur sehr schummrig abrufbar, Übertragungsstörung, reh mal die Antenne bissi nach links. Auf der Garage turnt der alte Kater, der Dreck des letzten Monats klebt an seinen Zotteln. Dazu bellt der Hund, zunächst unsichtbar, denn er kommt nicht übers Gartentor hinaus. Weil er eben ein Hund ist.

Der Geruch nach dem Tier ist ihm immer noch nicht geheuer, auch wenn José eingezogen ist, bevor er auszog. Ein paar Umarmungen und Küsse später gelangt er ins Zimmer seiner Träume – die meisten davon längst zerplatzt. Es ist immer noch so glänzend, wie er es verlassen hat. Der Anblick vom Klavierlack löst das Verlangen aus, darauf eine Zigarette auszudrücken und ein trübes Loch in die polierte Oberfläche zu brennen. Aber weil das Mobiliar in diesem Haus noch geschätzt wird, lässt er es eben bleiben. Rollo auf, das Hornissen-Nest dahinter liegt über den Winter verlassen. Endlich könnte es entsorgt werden, aber was geht ihn das schon an.

Das Rad ist ein anderes, Alu-Rahmen, getaucht in einen wirklich hässliches Olivgrün. Eine teure Olive. Für sowas haben sie also Geld. Der Sattel schneidet gefährlich zwischen die Lenden und droht bei Unebenheiten tiefe Risse zu hinterlassen. Ein Geschoss, mit einem Achter vorne: Gerade unauffällig genug, um ihn nicht ausbessern zu lassen. Unendlich oft hin- und herfahren, weil sonst nichts zu tun ist. Morgen wird er dann im Kies zu wenden versuchen, während er ein Radler trinkt und natürlich stürzen. Sichtbar bleiben die Wunden bis zum nächsten Besuch; als Schandenschmuck.

Die Libido pulsiert in diesem Zimmer, vielleicht liegt es an all den Spiegelungen im Lack, die einen vergessen lassen, dass man allein ist. Oder es ist die pubertären Lust, die hier ihren Samen verteilt hat. Jetzt nervt ihn seine Geilheit nur, verschwitzt unter der Bettdecke, die Verpackungen von sechs Snickers-Riegeln neben sich.
Aus der Lethargie rettet ihn der Abend und die Zeit zu gehen. Akribisch stutzt er den Schnurrbart, gerade so lang, dass er sich leicht zwirbeln lässt. Angezogen wird, was bei drei nicht im Schrank landet. der Bart hingegen ist wohl überlegt.

Plötzlich tragen alle Bärte, im Norden scheint das hip zu sein. Er überlegt kurz, davon abzulassen, als er schon die erste Halbe in der Hand hält. Das Gift fließt in Strömen – und dann durch allerlei Röhren wieder hinaus. Draußen geht ein wenig Magen daneben, ins Blumenbeet. Der fruchtbare Boden liegt für Jahre brach. Bayerische Bauern demonstrieren für höhere Milchpreise. Und für Regen, sie haben sogar Walzer getanzt.
Zurück im Inneren überkommt ihn plötzlich der Ekel, dieser ungebetene Gast. Alles wie verwandelt, ganz verschandelt. Längst vergessene Gesichter nähern sich dem Seinen auf obszöne Weise. Verlegen wandert sein Blick deep deep down the rabbit hole, auf den zerstoßenen Basillikum im Basel Smash. Das crushed ice zerfließt langsam, der Schweiß an den Wänden produziert einen Wasserschaden.

Beim Schwenken seines Drinks, denn das Grün darin tanzt so schön, kreisen ihm die Gedanken. Ein großes Wiedersehen ist das hier, zwischen den freiwillig Gegangenen. Aber ist es ein Neuanfang oder eben ein Welcome-Back? Manchen scheint es wie den Großeltern zu gehen: Sie kneifen sich gegenseitig in die Backen und merken von unter herab an: Moi bist du groß geworden, senile Rührung. Er hingegen ist verloren zwischen Tür und Angel, allein auf weitem Flur zwischen all den Leibern. Die durch Alkohol entglittenen Fressen erscheinen ihm zwar bekannt, aber nicht mehr vertraut. So wird er heillos in Konversationen hineingestrickt, mit Doubles seiner ehemaligen Freunde konfrontiert. Doch die Mimik stimmt nicht. Ist das ein Riss in der Matrix und er Opfer eines Tentakelmonsters?

Ineinander verschwimmende Menschen, explosive Kernfusionen, bald ist die kritische Masse erreicht. Die Lippen haben sich etwas zu sagen, es ist ein Schmatzen. Die Postmoderne feiert Karneval und in Deutschland schreien sie kölle alaaf. Heute mal als Prinzessin gehen, sich versündigen, akzeptiert werden. Die Ausnahme bestätigt die Regel, morgen wieder Pullunder und eine Armlänge Abstand. Die wahren Clowns sind so traurig, weil sie sich eben nicht verkleiden. Wie Leonardo DiCaprio in The Great Gatsby, wie der lonely wolf in einem Hesse-Roman, wie der kleine Hans an seinem 7. Geburtstag, wird er plötzlich mit allerlei beworfen, Glitzer und Konfetti. Die Narrenkönigin malt ihm noch ein Kreuz auf die Stirn, Neon statt Asche, den Leib Christi gibt es heute als Pille. It’s an unholy mass, Kopulationsgebot.

Alexa hat neues zu berichten. Sie trägt ihre Einkaufsliste an zu erfüllenden Träumen viel zu energisch vor, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, dass sie sich selbst belügt. Gott ist nicht erst seit gestern Tod, doch die Leut kommen nicht drüber weg. Und Alexa ist zu sehr Generation Y, um ihren Heiland in Chromfelgen oder einem iPhone zu suchen. Da muss sie eben auf die Suche nach sich selbst ins Krisengebiet. Ihre Kollegen dort werden sich fragen, wieso sie nicht lieber nach Tel Aviv geflogen ist. Unter dem Sand das verlorene Ich. Aber prost, auf dass deine Pilgerreise gelingt. Ihre Kurzen kreuzen sich, sie trinken auf Bruder-Schwesterschaft.

Stau auf dem Gang zur Bar, Leute lungern Kippe rauchend an den Wänden. Er findet das affig, man raucht im Gehen. Wer nur aus Schönheit pafft, sollte lieber mehr schlafen. Nur fürs wuzeln wird angehalten, endlich geht es weiter. Trübe Blicke verfolgen seinen Rücken. Auf der Biertisch-Bar fließt alles ineinander: Spirituosen, Müll, Teller mit Chilli und Muffins, die ganz meschugge machen. Dazwischen wühlen Leute mit ihren schnauzen durch den Dreck, ob sie wohl nach Trüffeln graben? Im Plastikbecher landet schließlich ein wildes Durcheinander, darauf thront eine Limette. Torkelnd will er Ordnung schaffen, dem Gastgeber zu liebe, aber das Meiste geht daneben. Denn die Aufmerksamkeit gilt dem Tequila-Hütchen und dem Rhinozeros in der Magengrube.

Die Songs sterben langsam, one by one by one. Er kennt einen ganzen Haufen Stücke, aber es sind schon viel weniger als bei der letzten Generation. Dafür kann er mehr Lieder wiederkennen. Dafür sind die Songs dieses Jahrtausends noch zu gebrauchen: Du erkennst sie wieder, aber sie brennen sich nicht ein. Sie bleiben höchstens hängen, wie Kletten, die du abschütteln willst. Dubidamdam, so call me maybe, umrella-ella-ella. Eh-eh. Nur eine Hand voll brennt für immer, das Feuer Bethlehems, doch diese Kometen sind heute schon im Treiber verglüht. Dann eben immer gleichen 4/4 Takte, ein bisschen Percussion drumherum, Geräusche, zu denen sich gut Stampfen oder arbeiten lässt. Vocals. Mit einem ordentlichen Drehen am Regler schaltet sich Auto-Tune zu und damit auch etwas Harmonie. Dazu hampeln und vor Anstrengung drei Bier ausschwitzen, für die er gezahlt hat.

Sein Blick rast dann in die minusgerade Nacht hinaus, der Leib folgt wiederwillig, fällt mehr. Zum rettenden Drahtesel, die Acht vorne ist nun deutlich spürbar. Fluchend durch die Finsternis, atemlos, hätte er sich doch lieber ein richtiges Licht gekauft. So blinkt er nur wie der Weihnachtsmann. Seine Begleitung und er führen einen synchronen Tanz auf, knallen ineinander, um anschließend ihre Räder wieder in großem Bogen voneinander zu befreien.

Wunden lecken, als ob er dem Krieg entronnen ist. Haben wir gesprochen? Und wieso liegt mein Gesicht bei deinen Füßen? Sein Bein schmerzt. Was haben wir geredet? Schließlich bleibt er noch für den Kaffee und für den Morgen und darüber hinaus. Die Nacht ist noch nicht abgeschminkt und über den Dreck der Gassen hinweg können sie endlich *etwas* sagen. Jetzt raucht auch er im Stehen, gegen den Türstock der Küche gelehnt, ein alter Mann braucht seine Stütze. Die Mokka Kanne wird Musik in ihren Ohren. Alles ist Musik, ein harmonisches Tönen im Besteck, im Joghurt und ihr Geflüster dazwischen als sanftes Säuseln. Wieso sind wir ans andere Ende gefahren, nur um zurückzukehren? Jetzt hat sein Rad nen Platten.

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