in Theater/Performance

Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm (theater)

Location: Theater Nestroyhof / Hamakom
Besetzung etc.: Homepage des Theaters

Von wegen, denn vor dem eigentlichen Auftritt ist schon alles gesagt. Sitzen wir schon oder kommen wir erst rein? Die Stimmbänder wärmen die Hitler-Darsteller Franz Prächtel und Peter Söst zusammen mit dem Außenseiter Ulli Lerch – er hat es nur zum Goebbels geschafft – zumindest schon mal auf.

Als Rezipient*in ist einem zunächst nicht ganz klar, in was mensch da überhaupt hineingeschleudert wird. Talkshow, Interview oder gar Podiumsdiskussion? Es gibt ein schiach beleuchtetes Podium und drei weiße Lounge-Stühle um einen Lack-Tisch, das schillernde Weiß beißt sich sehr mit dem LED-Blau. Den Hintergrund der Szenerie bilden drei Backdrops mit einem lila Farbverlauf.

Umgebaut wird von den Darstellern selbst, naja, eigentlich legt nur der arme Lerch Hand an. Der Tisch ist von Anfang an kaputt, Lerch gibt bei der Reparatur sein Bestes, aber am Ende liegt das Ikea-Möbelstück in Trümmern und das Sprudel-Wasser von Prächtel ist auch noch verschüttet. Egal, er trinkt eh nur Leitungswasser. So ein bisschen Slapstick und körperliches Leiden muss also auch sein.

Wieso sitzen eigentlich zwei Hitler-Schauspieler zusammen mit einem Goebbels-Alter-Ego am Tisch? Es soll über die richtige, einzig wahre Darstellung dieser Super-Bösen diskutiert werden. Söst besteht drauf: Er habe Hitler nicht als Mensch gespielt – aber als was denn dann? Als Dämon oder Roboter? Der Prächtel ist nämlich sehr stolz auf seine authentische Verkörperung, schließlich hat er mit Parkinson-Kranken Suppe gegessen, um sich so richtig einfühlen zu können. Und manchmal lassen die beiden Hitlers auch den Lerch zu Wort kommen, der es zwar nur zum Goebbels gebracht hat, aber dafür von den grenzwertigen Inszenierungen in Göttingen erzählt.

Ruhe vor dem Sturm ist Meta-Theater, die Schauspieler streiten über die Rolle ihrer Profession – und wie es denn Beruf auszuführen gilt. Dabei treffen zwei Generationen aneinander: Prächtel ist ganz verliebt in die bedeutungschwangeren Sätze der alten Männer und rezitiert immerzu Weimarer Klassik. Lerch hingegen kann die Phrasen nicht mehr hören, der Hamlet sagt ihm nichts mehr, das Gelaber überdeckt er am besten mit einer großen Portion Atmo aus der Tonkammer. Was ist das denn überhaupt, so ein Schauspieler – bürgerliche Kategorien!

Recht behält am Ende keiner, vielleicht sollten sie dann auch endlich mit der Talkshow anfangen. Sitzen wir schon oder kommen wir erst rein? Söst kocht übrigens gerne, bitte befragen sie ihn dann dazu. Okay, we’re on air – das bedeutet für uns Theaterbesucher*innen das aus. Wir klatschen reichlich, nachdem sich vor einer Minute noch im Stück darüber lustig gemacht wurde.

Meinen Freundinnen kam das Stück interessanterweise sehr kurz vor, ich hatte schon 20 Minuten vor Schluss das Gefühl, dass die Rollen langsam ausgespielt sind und es nicht mehr viel zu sagen gibt. Ein bisschen Ruhe vor dem Surm ist ein bissiger, in sich genügsamer Kommentar auf das Theatermachen zwischen Schauspieler-Ego, Postdramatik und Kino-Kassa. Als must-see würde ich es nicht bezeichnen, dafür fehlt es mir an Substanz. Viel wird angeschnitten, viel wird diskutiert, aber aneinander vorbei.

PS: ich liebe die Räumlichkeiten des Theater Nestroyhof! Es gibt noch Stuck an den Decken, gleichzeitig wirken die Räume kahl, mensch wird nicht vom Prunk erschlagen. Dennoch hat das Gebäude Geschichte und ist kein betonfrischer Neubau.

Kommentiere!

Kommentar