in Gekritzel, Politik, Rausch

Deadlines – kill them with fire (bei Uni, Kunst, Arbeit & Alltag)

In dem Projekt wäre schon noch sehr viel Potential gesteckt. Ja, da hätte man viel mehr machen können, man hätte mehr Themen mitreinnehmen müssen. Die Sportszenen sind alte Aufnahmen, die haben wir einfach neu gesichtet. Aber unser Thema war eben vorgegeben, working conditions, war im Rahmen der Kunstuniversität. Es war dann eben Abgabe und deshalb sind es nur 15 Minuten geworden. Es wäre mehr drin gewesen, ja, aber es war längst Abgabe.

Ich bereite gerade die erste Stunde des Tutoriums vor und bin schon am verzweifeln. Ja, ich muss den Leuten irgendwie 5 verschiedene Deadlines erklären und ich blick selber nicht mehr durch. Ich muss mir das alles durchlesen, aber sehr wirr das. Ich muss ihnen am Ende ja eine Note geben und alles muss offiziell sein. Sie dürfen diese Fristen nicht verchecken.

Beides Versuche, eine persönlich erlebte wörtliche Rede nachzustellen. Um Deadline ging es in beiden Gesprächen. Es geht überhaupt fast immer um irgendwelche Deadlines, Abgaben an der Uni, Anmeldung zu Events, Bewerbungsfristen, Arbeitsbeginn, Zu-Bett-Geh-Zeit, Schließen der Bibliothek, zu lange Lücke im Lebenslauf, Ende der Ferien, Beginn des Urlaubs, Kaffee fertig, Tee durchgezogen, am Donnerstag höre ich wirklich mit dem Rauchen auf.

Gerade zu besessen ist jedermann*frau von den Deadlines. Tote Linien, rote Linien. Obama zieht solche ja auch andauernd (Merkel ist sich zu schad dafür). Bis hierhin darf das iranische Atomprogramm gehen – aber nicht weiter. Okay, ein wenig weiter. Also gut, nochmal Auge zugedrückt. Aber wehe! …

Die Weltpolitik nimmt es letztlich nicht so ernst mit den Deadlines, aber sie sind ein wichtiges Politikum und Machtinstrument. Bis morgen müssen die Griechen ihr Budget geregelt bekommen, wehe wenn nicht! Da ist es dann egal, dass Millionen Leben an einen willkürlich gesetzten Termin gekoppelt sind, viel zu knapp zur sachlichen Reflexion der Lage. Mensch als Opfer von Papier mit Zahlen drauf.

Zahlen, die im großen Stil Menschen auf die Straße stellen  (denn nichts anderes folgt aus Armut und Sparpolitik) ersticken auch kleine Leben: Potentiale von Denkprozessen, von Momenten, von Kunst, von Liebe, von Feindschaften. Die Abgabefristen für Proseminar-Arbeiten wurden seit diesem Semester an der Uni Wien um 2 Monate gekürzt. God knows why. Well, the budget knows why. Es ist eine Farce. Da hat jemand gerade das Semester überstanden, mit all den nutzlosen Anwesenheiten bei Frontalvorträgen, und hätte endlich ein paar Wochen Zeit; nein, nimmt sich die Zeit!, und will denken. Aber 2, 3 Monate später soll dann pünktlich ein origineller Gedanke fertig ausformuliert in irgendeinem Posteingang landen, mit einer ganz neuen wissenschaftlichen Erkenntnis. Wenn der Funke erst im September fällt und dann Abgabe ist, egal, er ist nichts mehr wert, der Gedanke, wir nehmen lieber das zusammenzitierte Frankenstein-Monster, welches gerade noch rechtzeitig Word entsprungen ist.

Und überhaupt: In Hinblick auf so ein knappes Zeitfenster lässt sich doch gar nicht denken. Es kann nur verzweifelt nach schnellen Themen gefischt werden, erstbeste Griffe in kanonische Werke, Akzeptanz des griffigen Zitats.

Auch fernab vom Elfenbein-Turm (wieso eigentlich nicht bspw. Bernsteinturm) der Wissenschaft lagen wir alle schon verranzt mit unseren Liebsten auf Couchen und Matratzen, den Schlamm des alltäglichen Small-Talks schon mit dem 3. Bier von uns gespült – und kommen uns mal wirklich näher. Die Sonne geht schon auf, man sieht es durch die Jalousie blitzen, aber die Situation kommt eben gerade erst in Fahrt. Stopp, halt, aus die Maus. Muss noch dies das erledigen, morgen Arbeit, Oma besuchen, wichtige Abgabe, habe noch Bewerbungsgespräch. Das ständige Nagen im Kopf. Und es ist kein lustvolles Nagen, nicht das Gefühl, dass man etwas Neuem nahe ist, sich jetzt reinhängen muss – nein, es ist irgendein nerviger Eintrag in meinem Handy-Kalender, ein nebulöses Piepen, Klick-Klack, in viel zu vielen Fällen zu vernachlässigen. Wie oft bin ich nach einem sehr inspirierendem Erlebnis, ein eindrucksvolles Film-Screening beispielsweise, schon direkt nach Hause. Habe nichts mehr aufgeschrieben, nicht ausreichend darüber geredet, ja in manchen Fällen nicht geweint – obwohl ich hätte sollen.

„Morgen mach ich blau.“ Überall ist es in Wien an Wände getagged, von irgendwelchen Anarchos. Gleichzeitig sehr richtig diese Ansage – und doch über alle Maßen bescheuert. Sich kompromisslos der täglichen schedule zu entziehen, kann ein radikaler Akt sein. Was wäre, wenn alle nicht zur Arbeit gehen würden, auch die Schaffner*innen nicht? Dann wären wir nah dran an der Revolution. Aber das Blaumachen klappt eben nur aus dem Privileg heraus, dass ein gewisses Ausreißen für viele in Österreich schlichtweg geregelt ist. Natürlich stellen Ärzt falsche Atteste aus, Leute gehen auf gefakte Beerdigungen, rufen ganz ohne Migräne gequält bei der Chefin an, dass sie gerade fast sterben. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo ein Zettel oder ein Anruf mehr das Ende bedeuten. Und dann ist es fahrlässig, seine finanzielle Existenz für einmal Ausschlafen aufzugeben.

Ganz anders sieht es eh beim immer größer werdenden Lumpenproletariat aus, den Arbeiter*innen-Armeen von Zeitarbeitsfirmen. Krank? Pech gehabt, es warten 1001 Andere. Angesichts einer solchen Lebensrealität sollte jede Blaumach-Parole übersprüht werden. Sie ist ein Schlag ins Gesicht.

Um noch weiter auszuholen und eine herkömmliche Textstruktur endgültig zu ersticken: Das ganze restliche, zum Wortfeld der Deadline gehörige Vokabular ist abstoßend! Uh, da bin ich ausgebucht. Die schedule checken. Lass uns ein doodle machen. Muss ich noch managen. Lass uns mal conecten. Sag mal, sind wir hier bei einer Redaktionssitzung? Ich will dich als Menschen genießen, verstehen lernen – und dich nicht unter Vertrag nehmen. Dabei packe ich mich selbst an der Nase, wie oft habe ich schon geredet, als ob ich eine Firma managen würde

too-long-didn’t-read: Zeitfenster sind durch und durch ideologisch, ein Machtinstrument und vielleicht der Schlüssel zum Sieg. Ich schlage vor, eure Kalender sofort zu verbrennen (keine Angst, bei iPhones nur virtuelle Kalender löschen) – und doch ist es ganz und gar unmöglich. we’re lost, once again.

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