in Erlebtes, Gekritzel, Rausch

Momentaufnahme #0016 – Rückzug in den Mutterleib (prose)

Ihnen entfliehen langsam die Lebensgeister. Unbequem auf der Couch neben dem Eingang, reges Treiben in alle Richtungen, sie aber halten still. Dicht beieinander, aber kein feeling füreinander. Starren überkreuz auf den Tisch, die leeren Biere, die ausgedrückten Kippen. Der Wuzler hat die Dinge nochmal ins Rollen gebracht, nur leider gegen die Wand. Nach gewonnenem Match wurden sie Ziel eines amphetamingeschwängerten Laber-Angriffs, irgendwer musste ja für herhalten. Jetzt also Flucht nach vorne, Aufbruch: Aufgesprungen, dick eingepackt, tapfer der Morgensuppe entgegen. Der Hundertwasserturm wirkt noch trauriger, als Zwergen-Welten in verlassenen Vergnügungsparks. fairytale gone bad.

Im Stehen auf das Raattern horchen, sich in den Sitzen wiederfinden. An die Schwerkraft glauben sie noch nicht, aber die Trägheit tat ihr übriges. Auf müden Sohlen zum Aufzug, achter Stock, weiter Blick über die erwachende Stadt. Wien schläft Nachts ja noch, macht zumindest ein kleines Nickerchen. Power-Nap für die Börsenkurse. Ein letztes Mal für heute beweisen sie eiserne Disziplin: Nahrungsaufnahme, brav Zähne putzen – wie bei Mutti eben. Sie wäre stolz. Cut.

Die Aussicht ist bei diesem trüben Licht nur ein Schatten ihrer selbst. Wo Leuchtreklame hängt, ist es tagsüber meist trist. Die verspiegelten Wolkenkratzer reflektieren ihre Gräue gegenseitig wieder. Schmerz über dem rechten Auge, neben der Schläfe. Sie sehen ganz Wien, aber Wien nicht ihre Boxershorts und Morgenmäntel. Zunächst ist nur der Geruch von gestern spürbar, ekelhaft. Sie leeren ihre Taschen, doch finden den Aschenbecher darin nicht. Guten-Morgen-Kippe. Ja, Guten Morgen. Er klopft zu diesem wunderschönen Frühnachmittag den grindigen Kaffeesatz aus. Gut für den Abfluss, gut gegen die Benommenheit. Das Schlurfen der Mokka-Kanne produziert etwas Behaglichkeit.

Die kräftige Röte ihrer Backen ist einer kränklichen Blässe gewichen, die Augen trüb, blaugrüne Krater darunter. Das Haar dafür umso ungebändigter, anziehend, verführerisch. Sie halten es an diesem Morgen miteinander aus, so ist viel gewonnen. Die halbe Miete, wow, sie sehen sich tatsächlich ein zweites Mal an. Ihre herausgeputzten Hüllen haben sie unter der Bettdecke eingebüßt, von sich gewälzt, ohne es recht zu bemerken. Nacktheit im übertragenem Sinne, die Fratzen der Schande offenbaren sich. Man umarmt sich nicht, obwohl man sich im Schlaf lange nicht begegnet ist.

Sie sind wie Raupen, die es nicht zur Blüte gebracht haben. Kurz verließen sie ihre Cocons, um vollgefressen ins Matratzenlager zurückzukehren. Nicht auf die Uhr sehen, der Evolution den Mittelfinger zeigen. Von Verpflichtungen reden, ohne sie ernst zu nehmen. Sie schauen einen Film und wie selbstverständlich spiegelt er sie selbst, etwas verdrehter, etwas interessanter, etwas schöner. Danach wieder betreten, peinliche Stille, es muss Wein her. Keine Sorge, kein ehrliches Glas, mehr einen Appetizer.

„Wollen wir weiterschauen?“
„Ja, schauen wir weiter.“
Bis sie feststellen, dass es nicht weitergeht.
Schlingen ziehen sich fester und fester, grobe Gewalt wäre notwendig, und die bringen sie gerade nicht auf.

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