in Kino

Habe ich mir den Trailer nicht richtig angesehen? Zurück blieb nämlich der Eindruck, „Victoria“, das wäre ein Drogenfilm mit schönen Menschen, die durch Berliner Clubs tanzen und gegen Ende ein bisschen Ärger bekommen. Entsprechend baff war ich dann nach dem Abspann. Meiner Begleitung erging es ähnlich: „Die Berlin-Lust ist mir gründlich vergangen.“ Davor meinte er noch, dass der Film sicher stimulierend auf seine Feierpläne wirken könnte.

Nach erneutem Schauen des Trailers muss ich feststellen, dass eigentlich sehr deutlich gezeigt wird, wie die Gewichtung des Films ausfällt: Am Anfang lächelt Victoria noch, dann geraten die ProtagonistInnen in den Sog, vom Regen in die Traufe, das Nervengerüst bricht zusammen. Die Kritiker-Kommentare versprechen ein Mashup irgendwo zwischen „Lola rennt“ und dem Hollywood-Schwergewicht „Birdman“. Nein, mit Birdmann kann „Victoria“ nicht mithalten – das macht aber nichts.

Es sind fesselnde 2 1/2 Stunden, die hier über Leinwand oder LCD-Screen flimmern. Und es ist ein intensiver Ritt, der an einigen Stellen krass auf den_die Zuschauer_in wirkt. Die Identifikation mit der Protagonistin und ihrem Kampf gegen die Kette an Katastrophen, die sich um ihren Hals legt, ist enorm. Wir wankten aus dem Kino und mussten erst mal eine Runde drehen, um darauf klarzukommen, dass niemand gestorben ist und wir uns in unserer Stammkneipe im Süden Bayerns befinden. Phew, everything’s gonna be fine. At least for us.

One-take lautet das große Versprechen von Regisseur Sebastian Schipper. Und zwar nicht bei einem melancholischen Liebesfilm in der isländischen Pampa, sondern bei einer überstürzten Verfolgungsjagd durch Berliner Randbezirke über eine sehr lange Spielzeit hinweg. Glauben wollte ich es nicht recht, faktisch ist mir aber kein Schnitt aufgefallen. Getrickst wurde sicherlich, und sei es nur mit Hilfe des winzigen Ausschnitts, welche die eine Kamera vom Set einfängt. Aber so lauten eben die Regeln des Films: Es liegt kein Foul vor, nur weil man das Baugerüst hinter dem Wildwest-Saloon nicht zeigt.

Die spezielle Schnittweise (nämlich gar keine) bestimmt jeden Winkel des Films. Zeitkompression und Dehnung, zentrale Mittel des Films, sind ohne Schnitt viel schwerer zu bewältigen. Wenn die Charaktere in „Victoria“ Aufzug fahren, müssen sie eine Minute in Ruhe verweilen. Wir als Zuschauer_innen begleiten sie die gesamte Fahrzeit. Die Beklemmung angesichts des Moments, wenn sich die Türen öffnen, wird unerträglich; selbst als gewollter Effekt zu lang. This feeling of awkwardness… Wenn sich Sonne und Victoria im Zwielicht des noch nicht geöffneten Kaffees unterhalten, sich näher kommen wollen, getrieben nach Sätzen fischen, die ungetrübte Harmonie erzeugen.

Der Spannungsbogen wird dadurch überspannt, zerrissen und neu zusammengeknotet. „Victoria“ ist 2/3 seiner Spielzeit fast durchgehend aufregend, es wird ein verbrechen begangen und die Domino-Steine kommen unweigerlich ins Rollen. Es gibt keine Nebenschauplätze, keine bird’s-eye-views, keine Sonnenaufgänge, keine jumpcuts, ähh, keine cuts. Entschleunigung muss sich Regisseur Schipper teuer erkaufen, nämlich indem er der Verfolgungsjagd den Wind aus den Segeln nimmt. Das Kunststück besteht darin, den richtigen Moment abzupassen, in dem der Wind wieder einsetzt. Zu kurz gewählt, bleibt keine Zeit sich zu sammeln; vergeht zu viel Zeit, wirkt der Leerlauf zu künstlich und one-take wird langweilig. Diese Gratwanderung gelingt gut genug, um zu funktionieren.

Wie ist es nun möglich, einen dichten Handlungsstrang ohne Schnitt und mit nur einer Kameraperspektive zu erzählen? Die Probleme liegen auf der Hand: Alles muss glatt gehen und der_die Zuschauer_in muss den Überblick behalten. Dafür wird subtil getrickst, durch den Handlungsverlauf und die Wahl der Locations. Die Schauplätze von „Victoria“ liegen größtenteils in derselben Nachbarschaft, die Wege sind sehr kurz. Dadurch, dass wir als Zuschauer_innen Leerläufe wie Geh-/Fahrwege in Filmen nicht gewohnt sind, erscheinen sie dennoch recht lang. Als die Räuberbande dann nach erfolgreichen Überfall ihr Auto in einem Hinterhof versteckt und der zufällig genau neben dem Club liegt, in dem die Handlung begonnen hat, kann man nur schmunzeln. Es geht eben nicht anders, die ProtagonistInnen können nicht erst 20 Minuten mit der Ringbahn fahren.

Das Filmen mit nur einer Kamera bildet den Schlüssel für den zweiten zentralen Trick hinter „Victoria“: Verlassen Charaktere den zentralen Handlungsort, können sie schlichtweg nicht verfolgt werden. Eine Szene, die auch im Trailer zu sehen ist und bei der diese Beschränkung geschickt genutzt wird, ist der Banküberfall: Victoria bleibt im Auto, sie ist die Fahrerin, sie wartet, bis die anderen mit der Beute zurücklaufen. Und wenn die Männer lossprinten, bleibt die Kamera im Auto und lenkt ihre Aufmerksamkeit schnell auf den abgestorbenen Motor der Karre. Der Überfall an sich bleibt für den_die Zuschauer_in unsichtbar – und das ist auch gut so. Zu wirr wäre die Szene gewesen, Schüsse und Schreie, viele gleichzeitig handelnde Personen, Action und Stunts, kein Schnitt und nur eine Perspektive.

„Victoria“ ist ein one-trick-pony. Hinter der atemberaubenden Spannung und der bemerkenswerten Form bleibt fast nichts: Die Dialoge sind zweckmäßig und oft etwas desperate, Zie ist es, die Handlungen der Charaktere irgendwie zu rechtfertigen und ein wenig Hintergrund zu erzählen. Denn Mittel wie backflash auf die Kindheit o.ä. fallen natürlich auch weg. Der Verlauf der Handlung lässt sich in drei Sätzen erzählen. Die Rolle Victorias ist irgendwo zwischen love interest, soul-searcher und aufopferungsvolle Freundin, dazu noch eine Spur femme fatale. Akzeptabel, aber nicht weiter auffällig.

Du solltest dir „Victoria“ ansehen, am besten laut – denn das Sound Design ist hammer. Vom Film sprechen wird man in Zukunft aber nur wegen dem one-take.

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