in Gekritzel

Observationen an Auswanderern

Irgendetwas hat es doch mit dieser Stadt auf sich. Sie ist nur zu Besuch, so für ein paar Tage, denn sie kennt ihn schon gut und sie wollte mal wissen, woher er denn eigentlich zugezogen. Wie ist die Kindheit abseits von der Großstadt? Vom Vorgarten aufs erste Rad zum Bolzplatz zurück nach Hause vor den ersten PC. Zurück aufs Rad, auf dem Weg zum ersten Vollrausch und pünktlich mit 18 schnell schnell raus aus dieser Vorstadt-Hölle.

Aber er meinte, für ein paar Tage sei es ganz okay. Es ist eigentlich wunderschön, überall plätschert ein Bach oder ein Zapfhahn, die Leute warten 15 Minuten auf einen Bus ohne verrückt zu werden. Klar, es ist eine dieser grasgrünen Vorhöllen. Postkarten-Straßen, deren Kulissen zusammenkrachen, sobald man eine Tür öffnet und nicht nur Fotos von hohen Türmen macht. Aber dafür kennt sie ja ihn und er kennt seine Freunde und die kennen diese Stadt und wie man sie am besten hasst.

Dieser Hass ist ironischer Natur, wie könnte es auch anders sein. Im Gastgarten zu schweizerischen Wurstsalat ein Weißbier kippen, aber eben anders als der Rest der Gäste. Und abends dann in eine Bar, in die eine Bar, in der dem Alkoholismus gefrönt wird. Ohne dabei Tracht zu tragen, aber gegrölt wird manchmal trotzdem. An den Nebentischen sitzen die Leute und verstehen gar nicht, dass hier eigentlich Verschwörer trinken. Dass sie es hier hassen. So meint sie die sorglosen Blicke von so manchem zumindest zu deuten.

Die Freunde dieses Stadt sind komischerweise auch besser vernetzt, als es die Bewohnerinnen eines Studi-Wohnheims Nähe Metropolregion jemals seien könnten. Monate weder Blick noch Wort gewechselt, aber dann setzt man sich beim angestammten Bier zusammen und hält Kaffeekränzchen, als ob eh nichts passiert wäre. Auf sie wirkt es seltsam – und lustig. Diese Leute sind nicht gleichgeschaltet, sie sind sich noch nicht mal besonders ähnlich, aber dennoch gibt es eine scheinbar schicksalhafte Verbindung. Was der eine nicht zu Ende denken konnte, wird für die andere zum Ausgangspunkt. Ein paar mal im Jahr treffen sich diese alten Freund*innen dann wieder und setzen das Puzzle neu zusammen. Ihr wurde während des Aufenthalts stets mit Neugier begegnet, die Aneignung des verwendeten Wortschatzes und die konsequente Anwesenheit bei allen Gelagen garantierten schnelle Integration. Sie ist jetzt auch ein Puzzle-Teil, ein frisches, es könnte an mehreren Stellen passen. Die Freunde grübeln noch darüber, wo sie jetzt am besten an den Rest angelegt wird.

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