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27.07. – Abfahrt von Budapest

Der Aufenthalt verlief einfach zu smooth. Und so sollte der ganze erfolgreich vermiedene Stress bei der Abreise auf uns herabstürzen. Wir kommen eine Stunde vor Abfahrt am Bahnhof an, Budapest Keleti. Alle Züge gen Westen fahren von hier. Wir sind darauf vorbereitet, dass es ein wenig dauern wird, bis wir ein Ticket bekommen. Englisch als Kommunikationssprache mit Ausländern hat sich hier noch nicht ganz durchgesetzt. First step: international travel office. Nummer ziehen. 387. Der Gang ist voll mit Familien und Back-Packern, die Anzeige der aktuellen Wartenummer gerade mal knapp über 100. Fuck. Ich ahne, dass die 104 unter unserer Wartenummer die ungefähre Wartezeit angibt. Die Genossin glaubt das eher nicht. Ich ziehe los, um nach einer anderen Möglichkeit des Ticketerwerbs zu suchen. Denn zwei ältere Damen hinter einer Plexiglas-Scheibe für hunderte Touris, das kann doch nicht alles sein.

Erster Hoffnungsschimmer: Ticket Automat. Es gibt eine englische Version des Interface und ich scrolle verzweifelt durch die Liste an möglichen Destinationen. Das Netz in Ungarn ist nicht groß und es gibt kein einziges internationales Ziel. Aber hey, zumindest das Interface ist auf Englisch. Ich ziehe weiter zum national ticket office und frage: „Where can I buy an international ticket?“ „Next door.“ „I can’t buy one at the machines?“ „No, only for Hungary.“ Budapest – stets in den Top 3 der beliebtesten Reiseziele Europas – und die einzige Möglichkeit hier in ein anderes Land zu reisen läuft über zwei Damen am Schalter. „Next door“ befindet sich ein privates tourist office, es ist grün und nicht so schäbig wie der Rest der Station. Aber auch hier reicht die Schlange bis aufs Bahngleis. Zudem kann man hier nicht nur Tickets kaufen, sondern auch Versicherungen abschließen. Leute stehen an mit falsch gebuchten DB Tickets. Hier dranzukommen wird eine knappe Angelegenheit, so viel ist sicher.

Also wieder zurück zur anderen Menschenschlange. Meine zur wacker wartenden Genossin, dass die Wartezeit auf der anderen Seite zumindest halbwegs realistisch erscheint. Und wenn da nichts voran geht, haben wir eh eine Nummer gezogen, die in 30 Minuten immer noch gültig ist. Wir wechseln, es geht kommt zum Vorrücken. Genau einmal. Ich bemerke das free WLAN und nach dreimal On-Off bin ich tatsächlich eingeloggt. Eine Minute später sehe ich die ersten Bestandteile der ungarischen Railway Company Onlinepräsenz. Es gibt eine deutsche Version der Seite und es scheint möglich, online ein Ticket zu lösen. Das ganze mit einer WLAN-Verbindung zum Kurbeln, Software-Tastatur und einem Wirrwarr an Weiterleitungen auf externe Zahlungsservices. Ahhh!

Auf der anderen Seite des Bahnhofs wird mit einem fetten Klammeraffen für ein Internet-Kaffee geworben. Wir sprinten los, angeblich nur 10 Meter. Zum bestimmt 10. Mal vorbei an dem wohl ekelhaftesten Imbiss der Welt. Der Dönerspieß steht in Flammen, was angesichts der zu befürchtenden Keimbelastung auch nötig scheint: Im Hinterzimmer hakt ein rauchenden Metzger an einem Haufen gerupfter Hühner herum und spießt die Kleinteile anschließend auf. Es hat 40 Grad. Mir gehen die Nerven durch und ich laufe stupide einmal um den Seitenflügel, die Genossin aber bleibt stehen, wir verlieren uns fast. Das Web-Kaffee hat geschlossen.

All odds against us. Aber weil einem das Schicksal nie einfach einen unüberwindbaren Grenzzaun präsentiert, sondern eine löchrige brick wall, schöpfen wir noch Hoffnung: Von einem Taxler hat die Genossin wertvolles Intel eingeholt. In 100m gibt es ein anderes Kaffee. Es waren eher 500 und der Besitzer konnte nicht übe den Eindruck hinweg täuschen, dass er sich im Klo erst noch eine Hose anziehen musste. Im Obergeschoss kickt er rachsüchtig gegen einen alten Intel Pentium Prozessor samt Windows XP. Vier Lademinuten später, die sich wie eine Stunde anfühlen, grüßt uns der splash screen von utorrent. Der torrent-client befindet sich im autostart und crasht sofort. Vor lauter Ungeduld starte ich 5 Firefox Instanzen, was die Sache nicht schneller macht.

Man möchte meinen, dass man seinen Computer größtenteils über visuelle Gewohnheiten steuert. Und natürlich ist auch in Ungarn bei Firefox und Google alles an Ort und Stelle. Dennoch fahren wir einige Augenblicke wie gelähmt über das unverständliche Meer aus Umlauten, Akzenten und Konsonanten. Endlich schaffen wir es, nach der Website der railway company zu suchen. Verschiedenste Check-Karten liegen parat, die Genossin zahlt schon mal. Wir müssen uns registrieren, Mail Accounts öffnen, sensible Daten eingeben, Ladepausen abwarten. Eine mickrige viertel Stunde bleibt uns noch. Die Zahlung scheint schon fast erfolgreich, als sich ein durch mich selbst aktivierter Sicherheitsmechanismus einschaltet und einen SMS Code an eine nicht mehr existierende Nummer senden will.

Wieso habe ich mir denn bitte eine Kreditkarte geholt, wenn ich damit nicht mal in zwielichtigen Internet-Kaffees auf letzten Drücker im Ausland bezahlen kann?! Eine Phase des Fluchens bricht los, Saftladen dieser Bahnhof. Noch nicht mal ein Ticket kann man kaufen – wir würden doch sogar dafür zahlen.

9 minutes to go, vielleicht hat sich an einer der Schlangen ein Wunder ereignet und es herrscht frei Bahn zum Ticket-Schalter! Tatsächlich, unsere Nummer ist dran. 5 Minuten noch. Bahnangestellte, mit stoischer Ruhe einer Beamtin, des Englischen mächtig. Ja, wir wollen tatsächlich Tickets kaufen. Genau, zwei, jetzt, für diese zwei deutschen Kartoffeln, die zurück in ihr Schnitzelwunderland wollen. Nein, wir haben keine Kinder unterm Tresen versteckt. Uns trifft der Schlag, als die Dame anfängt, per Hand auf einen Vordruck loszugehen. MIT EINEM KUGELSCHREIBER. Plötzlich flink werden die Reisedaten in die Blaupause hineingekritzelt, der Zug ist uns schon fast entkommen. Zahlung, Bankomat?, keine Antwort, Euros! Ein Taschenrechner wird gezückt und der Betrag händisch umgerechnet, dazu eine Rechnung aufgesetzt. Just the tickets, just the tickets! Yeah, just the tickets, meint sie und schreibt weiter munter Rechnungen. Endlich halten wir die Billette in der Hand, die Genossin sprintet los, ein Kinder-Buggie hält uns auf, da steht noch ein Zug, zack zack weiter, Reisende weichen uns aus. This goes to Vienna?! To Vienna?! VIENNA? Die Bahnangestellten winken ab, unser Zug ist längst weg, der hier gerade erst eingefahren.

Zumindest gelten diese Tickets jetzt für 4 Tage. Zeit, sich zu sammeln.

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