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23.07. & 24.07. – Wien & Budapest – Eine Reise

23.07.15 – Wien


Aufgewacht vom allmorgendlichen Hitzschlag und dem Krachen von Euro-Paletten, selbst durch das Fenster hörbar, als die Handwerker pünktlich um halb 7 mit Brechstangen auf das Holz losgehen. Lösungsansatz: Kaffee und ein Zettel zur Ordnung der Gedanken. Erfolg letztendlich fraglich.

Hänge abwechseln auf blablacar und airbnb herum, Anfragen schreiben, auf Antworten warten, log in, log off & again & again & again. Es wird mir wieder klar, womit ich letzten Sommer so viel Zeit in Spanien verschwendet habe: Die Weiterreise planen. Aufwenden des Tages zur Organisation des nächsten. Prädikat total nervig. Schweißtreibende Kommunikationsarbeit, die in einem airbnb-Zimmer und dem Fahrplan der Züge von Wien nach Budapest mündet.

Schon mal den Rucksack packen, zumindest imaginär. Ich tendiere immer dazu, zu wenig wetterfeste Kleidung einzupacken und dafür zu viel Gadgets. Den Kindle mit einem neuen ebook versehen: „Trinken gehen“. Das Motto für 4 Tage Budapest steht damit fest, und wenn ich auf der Hinfahrt schon kein Bier zische, dann will ich zumindest darüber lesen.

Neben dem Koffer muss die Bürgerin von heute natürlich noch ihr Smartphone vorbereiten. Also lade ich mir die populären Touri-Apps herunter, darunter noch einen Client für OpenStreet Maps mit Offline-Support und eine Öffi-App für Budapest, die ebenfalls ohne Datenverbindung funktioniert. Der Vernetzte Urlauber. Er fragt nicht mehr nach dem Weg, der Uhrzeit oder Restaurant-Empfehlungen. Das erledigen gekaufte Anzeigen in Apps für ihn.

Pünktlich zum Einbiegen des 13a in die Kirchgasse steigen die Hipster und/oder Studenten ein, die Demographie des Busses wandelt sich. Stecke auch noch meine Spiegelreflex in den imaginären Rucksack. Mal wieder fotografieren, oh ja – aber was? Lieber keine Häuserfassaden oder Obdachlose, auch wenn das so edgy ist.

Mir sitzt jemand gegenüber, der ich in 20 Jahren sein könnte. Struppiger, dichter Vollbart – aber regelmäßig gestutzt. Etwas unreine Haut, Spuren der Sonne. Die Stirnfalten sind fest eingebrannt, was seinem Gesicht einen angestrengten Ausdruck verleiht. Neben sich ans Fenster gedrückt hat er einen alten Skater-Rucksack, mit einem Schultergurt am Arm befestigt. Nackt mit den Füßen in den Sommerschuhen. Sein Haar allerdings ist im Gegensatz zu meinem flach, lediglich leicht gewellt bis knapp über den Halsansatz. Nach hinten frisiert, Seitenscheitel. Eine vergilbte Jeans bekleidet den Unterleib, wohl in einer 2nd Hand Boutique gekauft, vintage. Hat sicher einiges an Zaster gekostet. Im Gegensatz das Shirt: H&M Basics, weinrot, mit diesem gepunkteten Baumwollstoff. Habe auch so eins.

23.07.15 – Budapest


Im Zug verschwört sich das Abteil gegen uns. Jenseits der ungarischen Grenze schiebt ein Mann samt Reisetasche die Tür auf, murmelt etwas, schaut grimmig drein. Wir haben am Schalter Sitzplatzreservierungen aufgedrückt bekommen, also denke ich mir nichts weiter. Der Typ kann nicht sauer auf uns sein. Er bleibt weiterhin stehen, ins Abteil durch die offene Tür starrend. Es zieht. Er scheint auf irgendetwas zu warten. Ich warte gern mit ihm und lese wieder „Trinken gehen“.

„Reservation! Show me! Now! I have paid for this!“ Wahrscheinlich 300 Forint, aber hey, „We have reservation too!“ Ich halte ihm den Wisch hin. Er schaut nicht drauf und schnauzt weiter „Where?!“. Eine bisher friedlich-freundliche Frau neben mir steigt munter drauf ein: „Must understand, he paid for this!“ Super, haben wir also alle etwas gezahlt. Es wird klar, auf was der Mann wartet: Der Schaffner kommt den Gang entlang gehastet, schwitzt, drängt sich in die Tür. „Reservation please!“ Hey, der hat sogar bitte geschrien. Ich entreiße dem Unbekannten mein Ticket und drücke es dem Schaffner in die Hand. Er prüft es, als ob es sich um Falschgeld halten würde. Bahntickets haben kein Wasserzeichen. Im Hintergrund empört sich wieder die Frau, in allen Sprachen auf alle Weisen.

Zwei Touristinnen haben schon zu Anfang des Streits ihre Sachen gepackt, verwirrt und verstört. Es ist damit Platz für den Mann und seine Reisetasche – auch ganz ohne Reservierung. Egal, der Konflikt wird gelöst: Ich sitze auf Sitz Nummer 63 statt auf 61. Also hiefe ich mein Hinterteil eines Sitz weiter. Der Mann setzt sich hin. „Sorry but I have reservation.“ Gut, dass wir das geklärt haben. Die Frau bemerkt plötzlich, dass sie ja auch nicht auf dem reservierten Sitz hockt und wechselt ebenfalls den Stuhl. Besser als jede Reise nach Jerusalem. Es kehrt Stille ein. Die Dame neben mir hat keine Reservierung, stellt sich schlafend und sitzt das Geplänkel ruhig aus. That’s the way.

schatulle-mit-sd-karteIn unserem Gäste-Zimmer gibt es eine Schmuck-Schatulle, in der auf Samt gebettet eine SD-Karte thront. Sehr stylisch, muss ich mir merken. Meine Ohrringe kamen aber nie in so einer fancy Schatulle. Ich widerstehe dem Drang, die SD Karte in meine Kamera zu stecken und die Bilder darauf anzusehen.

Ich bemerke, dass ich meine Kamera bei all dem Stress im Abteil vergessen habe. Fuck. Möge das Rumrufen beginnen …

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