in Gekritzel, Kino

Traut der Website des Gartenbau-Kinos nicht: Das Lichtspielhaus ist nicht klimatisiert. So richtig ausschlaggebend war die Affenhitze wohl eh nicht für all diejenigen, die beim derzeitigen Bade- und Park-Wetter entschlossen, sich um 20.30 Uhr im Foyer des Gartenbaus einzufinden. Dennoch: Ein leise vernehmbares, kollektives Ächzen bei der Schlange zum Snack-Verkauf.

Drinnen läuft schon die Werbung, – uhhh, Kinowerbung – also schnell rein. In Anschluss an die „Montage of Heck“ von Brett Morgan zu Curt Cobain läuft „Amy“. Der Film von Asif Kapadia ist eine Dokumentation über Amy Winehouse und ihre steilen Karriere zum Popstar, die letztlich im Selbstmord der Jazz-Sängerin mündet.

Und nicht nur im Ende gleichen sich die Biografien von Amy und Kurt, sowie die dazugehörigen Film-Produktionen. Ein Vergleich der Dokus drängt sich auf, behandeln sie doch Ikonen zweier Generationen, X & Y, die sich sehr unterscheiden und doch nach ähnlichen role models verlangten.

Kurt und Amy wollten nie berühmt sein, aber doch erfolgreich in ihrer Kunst. Sie schienen beide von einem Perfektionismus gegenüber sich selbst geplagt. Die Quelle ihrer Kreativität explodierte mehr für einen Augenblick anstatt kontinuierlich zu fließen. Beide hatten beef mit ihren Eltern, die Scheidung brachte das Unglück ins Rollen. Depression seit dem Kindesalter, Ausdruck der Verzweiflung durch Selbstzerstörung und Selbstverletzung. Amy litt zudem an einer nie behandelten Bulimie.

Musik als Ventil, dadurch vor allem authentisch gedacht und sehr persönlich. Kunstfigur und Person verschwimmen, werden eins, die Öffentlichkeit will ihr Stück vom Kuchen – und sie reißt es sich heraus.

Im konkreten musikalischen Ausdruck liegen natürlich Welten: Nirvana brüllt das FUCK YOU gegen alles – und vor allem gegenüber sich selbst – meist straight heraus, dazu ein paar zerstöre Gitarren und horror show auf der Bühne. Amys Schaffen entspricht dagegen viel mehr den herkömmlichen Kriterien hochwertiger Musik: Sie kann einfach super singen, die Texte sind catchy, oberflächlich leicht, wenn darunter auch oft Bitterkeit liegt.

Kurt war noch Rockstar, wenn auch schon als softie gedacht. Im 21. Jahrhundert ist die Medienwelt schon eine ganz andere, Amy ließe sich für mich mehr als moderne celebrity begreifen. Ab einem gewissen Grad an Berühmtheit stand sie non-stop im Rampenlicht, auch fernab von Clubs und Festivalbühnen. Kurt Cobain hat die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber seiner Privatheit wahnsinnig gemacht – doch im digitalen Zeitalter ist das monitoring der stars viel stärker.

So machen einen Großteil des Film Clips aus, die von Reporter_innen aufgenommen wurden. Sie stellen mit anderen Paparazzos Amy nach und halten immerzu mit ihren cams drauf. Ein Jahrzehnt später als Kurt sieht sich Amy daher mit einer Bilderflut konfrontiert, die sich ihr Vorgänger wohl nur in Albträumen vorstellen konnte. Als Publikum sehen wir Amy in allen Lebenslagen: Perfekt gestylt, ungewaschen, lachend, weinend, vor Kraft strotzend oder vom Heroin und Magersucht ausgemergelt. Wo bei der „Montage of Heck“ einige ikonographische Bilder hängen bleiben – Kurt mit der übergroßen Sonnenbrille, mit pinken Haaren – kommt es bei Amy zum overflow error. too. many. pics. plese. stop. PLEASE.

Home-Movies gibt es bei der Doku zu Kurt allerdings gefühlt etwas mehr. Zumindest mit Aufnahmen von Streit und Delirium. Das kann natürlich auch an der Auswahl des Regisseurs Kapadia liegen, denn eigentlich man möchte meinen, dass nach dem Release von iPhone 3 & 4 einfach alles abgelichtet wurde. Überhaupt ist die „Collage des Teufels“ eine weitaus extremere Seh-Erfahrung. Allein der Einstieg: Cobain, wie er beim Reading Festival 1992 in Krankenhemd mit einem Rollstuhl auf die Bühne kommt. Als Gebrochener, der seinen Zustand frei zur Schau stellt, sich schlussendlich erhebt –und zusammen mit Schlagzeug und E-Gitarren losdonnert.

Bei „Amy“ hingegen: Einstieg in ihrer Kindheit, chronologisch korrekt, alle Erwartungen einer Doku erfüllend. Die ästhetische Verdichtung ist weniger stark, es wurde auch weniger origineller Content für das Projekt geschaffen. Keine Animationen. Was entsteht ist ein Erklärung der Lebensabschnitte von Amy Winehouse, recht detailliert, etwas langatmig.

Sehenswert ist „Amy“, weil Asif Kapadia eine in sich schlüssige Erklärung der Künstlerin abliefert. Ich kannte kaum Details zur Person oder Ablauf der Karriere von Amy Winehouse, ihren Partner, dem Gossip. Und dieser ganze Wahnsinn, die Emotion, das Drama, oft auch bloße Idiotie – das alles wird sichtbar. Und auch wenn das Filmerlebnis nicht so intensiv wie bei der „Montage of Heck“”, wurden die meisten meiner Erwartungen erfüllt. Es ist eine solide Promie-Doku.

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