in Gekritzel

Writing some future #001 – Das Scheitern am Konkreten

Anfang 20, in einer Großstadt, am Studieren, als Elite fremdbezeichnet (wie wohl alle weißen Maturant_innen), keine lebensbedrohlichen Probleme, macht zumindest manchmal das Maul auf: Ich werde oft nach einer Zukunft gefragt, für mich, für andere, für alles. Und es ist eine furchtbare Smalltalk-Frage. „Wie geht es dir?“ ist schon unglaublich komplex, aber noch nicht so schwer zu beantworten, wie die Frage nach der, nach einer Zukunft. Eine ernsthafte Antwort würde mindestens den gesamten Abend und unzählige Getränke in Anspruch nehmen. Ein einfaches „wird schon werden“ erscheint mir dagegen als Straftat. Zeit und Lust für ein aufreibendes (Streit-)Gespräch ist allerdings selten.

Also darüber schreiben. Sich Zeit für die eigenen Gedanken zur Zukunft nehmen. Das könnte mir helfen, denn im Alltag kreisen meine diffusen Vorstellungen einer Zukunft immer mehr um sich selbst, ohne dabei an Klarheit oder Richtung zu gewinnen. Vielleicht braucht es eine Bestandsaufnahme der Ideen, Hoffnungen, Ängste, Zweifel und Vorstellungen? Andererseits ist es immer gefährlich, die Zukunft, welche bekanntlich unwritten ist, durch Worte zementieren zu wollen. Doch bringt einen dieses Scheitern am Konkreten nicht auch weiter, macht von neuem bewusst, wie offen die Zukunft ist? Ich zumindest meine: Ja.

Wo soll ich jetzt anfangen? Ganz spontan scheint mir mein Denken der Zukunft zwischen mir im Hier und Jetzt und einem recht abstrakt gedachten, aber perfekten Selbst in vielen Jahren bemerkenswert. Zwischen meiner Gegenwart und diesem idealen Selbst in der Ferne klafft eine große Lücke, die wohl im konkreten Streben nach der Imagination zu fassen ist. Diese Lücke kann ich höchstens mit bedeutungslosen Daten füllen: Deadlines, Abschlüsse, Zertifikate, vorgeschriebene Zeiträume. Das eigentlich relevante passiert fernab dieser Zahlen.

Ein paar Denkminuten später ist Zukunft gedacht als an sich selbst orientiertes, durch Ideale beeinflusstes und durch das eigene Handeln bestimmtes Konzept überhaupt eine bescheuerte Vorstellung, viel zu kurz gedacht: Schließlich bin ich eine Zahl. Werde auch immer mehr zu einer Zahl. Selbst zu einer Vielzahl an Ziffern tauge ich bald nicht mehr: In der vernetzten Welt scheint die Entdeckung der Weltformel immer greifbarer. All unsere Eigenschaften werden zu einer einzigen Variable in dieser Formel. Das vermessene Selbst wird in Zukunft nicht mehr aus einem Wust an Daten bestehen, der zusammenhangslos in einem Topf mit anderen Zahlen-Galaxien herumschwirrt. Nein, denn die scheinbar unabhängigen Datensätze sind miteinander verknüpft; wir, die Menschheit, fördert den roten Faden zu Tage und es wird klar: Das Choas ist ein System größter Ordnung, Entropie, zweites Gesetz der Thermodynamik.
Von jedem Punkt aus wird unsere Persönlichkeit ableitbar sein. Einfache Algebra, die Formel nach der gesuchten Variable umstellen. Die unbekannten Xs, Zs, Ys sind längst durch allerlei Sensoren als handfesten Ziffern bestimmt, auf 1000 Stellen genau.

Auch abseits einer solchen Techno-Dystopie scheint die egomanische Zukunftsvorstellung eine Dummheit zu sein: Ich und wohl auch du, werte_r Leser_in, surfst gerade aus einer Wohlstands-Oase. Umgeben von den blutverkrusteten Knochen Tausender. Nach dem täglichen Abendmahl knabbern wir das restliche Fleisch von den frisch servierten Knochen und werfen sie zu den anderen. Und natürlich willst du eigentlich nicht. Aber du musst, um deiner selbst Willen. Wir sind fester Bestandteil einer brutalen Logik, die uns im Falle eines Streiks als kaputtes Rädchen im Getriebe zu zermalmen droht. Wo du herkommst warten noch ein paar Millionen andere.

Und was denkst du dir jetzt gerade zu meiner Zukunft, zu deiner, zu einer, zu unser aller?

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