in Gekritzel, Kino

Glück hatte ich mit der Dokumentation zu Kurt Cobains Leben nicht gerade: Drei Anläufe hat es gebraucht, bis auf der Leinwand des Gartenbaukinos auch wirklich besagter Streifen flimmerte. Schuld an dieser Misere war meine Schusseligkeit und der Filmverleih, also will ich hier dem Kino keinen Vorwurf machen. Dafür bin ich auch zu sehr in das Gartenbau am Stadtpark verliebt <3.
Meine Spotify-Playlist mit allen Nirvana-Songs höre ich mindestens einmal die Woche, dementsprechend groß war mein Interesse an der Dokumentation über die Generation-X ™ Ikone Cobain. Dafür schwing ich mich auch dreimal aufs Rad.

Regisseur Brett Morgan, der den Film (imdb-link) für HBO produziert hat, wollte ein emotional intensives Portrait des amerikanischen Superstars drehen. Wie er in einem auffallend scripted Interview nach den Credits klarmacht, sollte der Fokus dabei möglichst nah an Kurt selbst und seinen wichtigsten Angehörigen verweilen. Den Popstar wolle er auch als solchen präsentieren, eben als von Fans vergötterte Kunstfigur. Nur sei Cobains Kunst vor allem durch Authentizität bestimmt, Figur und Darsteller verschmelzen zunehmend. Entsprechend ist für die Dokumentation jedes Detail seines Lebens relevant, Abgründe im Privaten des Künstlers in gleichem Maße wie die Bühnenshow.
Die Darstellung des Blondschopfs liegt damit irgendwo zwischen Universal-Genie und white-trash weirdo von nebenan.

Wenn ich an Dokus zu verstorbener Künstler_innen denke, habe ich das Bild unzähliger Köpfe vor Augen, die vor der Kamera eine nicht erfassbare Flut an Details über die behandelte Person ausschütten. Das ist bei der montage of heck glücklicherweise nicht der Fall. Es kommt nur eine winzige Anzahl an Personen zu Wort: Vater Donald und Stiefmutter Jenny, seine Schwester Kimberly, seine erste Freundin & Lebenspartnerin Tracey Marander sowie Lebenspartnerin Courtney Love und sein Bandkollege Krist Novoselic. Diese enge Auswahl war für mich vollkommend ausreichend, die Interviewpartner_innen erfüllen ihre Rolle als authentische Zeugen von Kurts Privatleben.

Wie Morgan im Interview klarmacht, gibt es einen überaus ergiebigen Nachlass von Kurt Cobain. Aufbewahrt in ein paar Kisten in irgendeinem Storage-Room. Im Film kommt eine Vielzahl an unveröffentlichten Audio-Aufnahmen und Home-Movies zum Einsatz. Darunter die „Montage of Heck“, eine vom Musiker selbst produzierte Mediencollage zum status quo der 90er Jahre, die Morgan als wichtigste Inspirationsquelle nennt. Der multimediale Charakter der Dokumentation selbst wird durch die Animationssequenzen von Chris Mouw verstärkt, die in ihrem malerischen Stil und liebevollen Details zu begeistern wissen.

Morgans Medien-Komposition kommt auf eine Laufzeit von fast 3 Stunden und angesichts des kurzen Lebens Cobains und den nicht allzu komplexen Stationen seines Lebens könnte es schnell fad werden. Der Regisseur bringt deshalb schweres Geschütz gegen die drohende Langweile in Anschlag: Die Sound-Kulisse ist laut und schmerzt mehrmals in den Ohren. Die grobschlächtigsten Parts des Repertoires von Nirvana dienen in voller Lautstärke als Weckruf. Der Lebenslauf Cobains passt zudem gut auf die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums: Seine emotionale Wucht baut der Film langsam auf, der frühen Kindheit Cobains samt der schweren Zerrüttung mit seiner Familie wird viel screentime gewährt. Für eine solch ausgiebige Schilderung ist man als Zuschauer_in in den ersten 45 Minuten noch aufmerksam genug. Und was sich nicht über Privataufnahmen und Interviews erläutern lässt, wird aufwendig animiert. And it really looks amazing.

Dann wird es heftig. Nirvana ist plötzlich berühmt, die Revolverpresse stürzt sich insbesondere auf den Frontmann der Band. Dieser findet sich mit schwerer Depression und Angsstörung im Rampenlicht der gesamten Popwelt wieder. Der Kultur-Industrie will er sein großes FUCKK OFF entgegenrufen, aber gleichzeitig auch von ihren Rum kosten. Denn auf der Bühne vor tausenden Menschen rücken die Minderwertigkeitskomplexe für einen kurzen Zeitraum in den Hintergrund.

Off-stage mündet das Rockstar-Dasein in Heroinsucht und Selbstzerstörung. gelentes #klischee oder ein Leben, das zum Klischee wurde? Mit dem Zusammenkommen von Courtney und Kurt nimmt die Menge an Home-Movies stark zu. Und da gibt es sehr explizite Aufnahmen zu sehen. In diesem Sinne auch eine Warnung an all jene, die keinen Bock auf H-Junks im tiefen Matsch ihrer Räusche und come-downs haben.

Als dann Tochter Frances geboren wird, erreicht die Krise des Paares sowie der Film seinen Höhepunkt. Kurt und Courtney, die high mindestens so unbeholfen wirken, wie ihr Baby. Ein großer Medienskandal. Kurts wohl gar nicht so irrationale Angst, sein Kind durch Zufall irgendwo tot aufzufinden. Der Selbstmord kommt plötzlich, Blende auf Schwarz, danach die Credits.

Im Rahmen des eigenen Anspruchs ist die Montage of Heck ein mitreißender, empfehlenswerter Film. Trotz der unterhaltsamen Darstellung gibt es aber deutliche Längen. Irgendwann hatte ich schlichtweg verstanden, dass Kurt hier als überfordertes Normalo-Genie mit einer sehr emotionalen Beziehung zu seiner Kunst dargestellt wird. Es fehlte an neuen Impulsen, die dieses Bild um neue Aspekte erweitern würden.
Insbesondere die Nachdenklichkeit Kurts wird zu oft beschrieben. Die ersten fünf Minuten sind dafür symptomatisch und leider gar peinlich berührend: In der Beschreibung von Kurts Schwester Kim erscheint dieser als intellektueller Überflieger, weil er nämlich im Wortsinn „ständig über irgendetwas nachdenkt“. Der Grundsatz Descartes („Cogito ergo sum“) trifft sicher auf Kurt Cobain zu – nur eben auch auf alle anderen der 6,8 Milliarden Menschen.

Hast du den Film auch gesehen? Würde mich über deinen Eindruck freuen :).

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