in Gekritzel

Bald ist wieder Sommer.
Und das ist nicht die hook des Sommerhits 2015.
Ich kann „Sommer“ so schmachtend sagen, dass das Wort eine ungeheuerliche Kraft entwickelt, Kopfkino auslöst. Es gibt Menschen, die leben nur für diese Jahreszeit, ‚cause they have to follow the sun. Zumindest bis zum Badeweiher oder zur nächsten Boombox. Aber ebenso, wie es irgendwo immer 4 ist, hat es irgendwo auch immer Badewetter. Doch was wäre der Sommer, wenn wir nicht auf ihn warten müssten? Ein Löffel Speiseeis, das nicht auf der Zunge zerfließt?

Mir bereitet der Sommer ein schlechtes Gewissen. Es schickt sich nicht, im Zimmereck unter einer ranzigen Decke Schutz zu suchen. Das Sommererwachen is a call of duty, raus mit dir! Als ob es so entscheidend wäre, auf welcher Seite des Spritzbetons man nun sitzt. Das Display des iPhones lässt sich bei direkter Sonneneinstrahlung allerdings kaum ablesen, vielleicht treibt das die Menschen wieder rein. Ich knüpfe meine Hoffnung daran.

Was den Sommer doch attraktiver macht als ein Selfie auf Facebook, ist das Gefühl der anhaltenden Wärme, die man am Ende ganz vergisst. Habe ich jemals mehr getragen, als diese Shorts und das Crop-Top? Die restlichen 8 Monate muss man Vodka trinken, mit Freunden abhängen oder ein Bett aufsuchen. Immer Sommer dagegen Wärme für lau. Und eigentlich immer zu kurz, ist er doch verdammt lang, der Sommer. Für einen großen Anlass scheißen wir auf Spätschicht, Hausarbeit und Wändestarren – aber nur für diese eine Nacht. Der Sommer hingegen scheint ewig, eine ewige Ausrede, so als könnten wir mit 30 Grad im Schatten jeden Diebstahl rechtfertigen und vielleicht eine Revolution ausrufen. Er ist wie Rummelplatz, Gegenwelt zur Fabrik, nur über Wochen und Wochen hinweg. Auch wenn kein bisschen Utopia entsteht, morgen besteht noch Hoffnung, übermorgen ebenso und überübermorgen ist auch noch ein Tag. Die unbezahlte Miete erscheint nur als schlappes Minzblatt in einem leergeschlürften Mojito. In einem von vielen, vielen Mojitos.

Der Sommer ist subversiv. Wir schuften, um Urlaub zu haben. Arbeitskolonnen plakatieren ganz Wien, um Urlaub zu zeigen. Aber wer sein zweites Radler am Donaukanal zischt, gibt nen feuchten Kehricht auf Fly-Niki und die Litfaßsäulen mit der Becks-Gold Werbung. Und doch können wir nur dort sitzen, die Füße überm Wasser baumelnd, weil wir sehnsüchtig an das Piratenschiff mit den glücklichen Hipstern und ihren goldgelben Bieren denken. Manisch ersetzen wir diese vorgefertigten Bilder durch unsere eigenen, überschreiben den image junk. Aber irgendein deppertes Lächen auf irgendeinem weißen Gesicht an einem kasgelben Strand bleibt doch zurück. Wir müssen es anstarren, wir müssen weiterstreben, es nochmal durch verschmiertes Make-Up nähe Budapest auf einem Tretboot mit chilli con carne ersetzen.

Lenin würde sagen, der Sommer ist konterrevolutionär, aber unlösbar. Ins Gulag kann man ihn nicht stecken, dafür ist es in Sibirien zu kalt.

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