in Gekritzel

Momentaufnahme #0006 – Zuhause ist dort, wo das Kaffeewasser kocht

Routiniert hole ich die Computer-Lautsprecher meines Bruders aus dem Keller, ich bin zu Besuch in der sogenannten Heimat und brauche Musik. Die Verkabelung der Boxen ist sehr dumm, alle Stränge laufen in einen Dicken zusammen, woraus ein großes Gewurl entsteht. Die beiden Mittel- und Hochtöner können so kaum entfernt voneinander platziert werden. Der mehrtägige Ausbruch aus dem Leben in Wien ist eine Rückkehr in mein ehemaliges als Schüler, eine Existenz mit viel Trott.

Laut ist es hier Nahe am Fluss, am Rande dessen, was sich als Stadt bezeichnen ließe. Die Privatsphäre ist auch eine andere. Daham löse ich mich aus dem Gemeinschaftsleben, wenn die Zimmertür zufällt. Und lausche recht genau auf den Rest der Wohnung. In diesem Zuhause nun reicht ein Rufen, um mich verfügbar zu machen, aber mir ist egal, was auf den Stockwerken los ist. Die Geräuschkulisse ist auf eine tiefe Weise vertraut, das Quieken der Hundewelpen Nachts und am Morgen ist aber neu. Eine knuffig-süße Neuerung.

In Bayern geht bei mir nie besonders viel voran, ich stehe zu früh auf und gehe dann auf die Zeit los. Der Nachmittag ist noch bedrohlicher als sonst: Einerseits will ich ihn davonschlafen, andererseits plagt mich das schlechte Gewissen. Eine Woche nur noch, bis es im Studium wieder kritisch wird.

Viel zu häufige Blicke in die Messaging-App. Zurückgebliebene und Zurückkehrende finden zusammen, die einen wie auf Kohlen, die anderen gesetzt. Klar wird mir beim Schreiben mit Freund_innen die Trägheit dieses Ortes, die mich schon immer angekotzt hat. Auf dem Damenrad meines Vaters kriecht das dunkle Grün des Flussufers unter grauen Himmel vorbei. Die Luft ist feucht und nicht kalt genug, um die Atemwege zu befreien. Nachts muss ich zurückgehen, der Reifen ist platt. Die immer selben Wege entlang am Fluss. Später erinnere ich mich, dass das alles mit ein wenig Alkohol besser vorbeigeht. Ein Radler aus Norddeutschland leistet mir Gesellschaft.

Überhaupt ist dem Trinken schwer zu entkommen. Nachmittags erwarten die Leute keinen Lustgewinn und so hebt man sich die Energie für den Abend auf. Und dann kommt nunmehr eine Bar in Frage. Klar gibt es auch gute Schorlen, der Pastis ist aber großartig. Es ist mein erster Tag hier, der Besuch morgen früh wird mir nicht viel abverlangen. Und so lassen wir uns gehen. Eine Freundin verlangt kurz vor Schluss noch, dass wir uns jetzt an die Bar setzen und gefälligst melancholisch sind. Ganz werden wir ihrem Wunsch nicht gerecht. Am Fluss unter grauen Himmel, da bin ich melancholisch. Unsere Konversationen leiden aber schon an einer gewissen Armut, die traurig macht. Beschwipste Väter wanken an uns vorbei ins Freie. Der Barkeeper knippst das Licht aus und düst nach Italien.

Vor mir der Tag und die neue Kaffeemaschine macht eine Rückkehr ins Bett unmöglich. Meine Ausdrucke über Filmtheorie und Gestik verwünsche ich, meine Lieblingsseiten lassen mich kalt. In den Hunden und dem Trashtalk beim Essen finde ich Rettung. Fahre mit meinem Bruder kurz in die Bibliothek, es ist mir dort aber zu trist.

Den Leuten geht es ganz gut, das freut mich, Wir gucken den Songcontest und reden mal wirklich über die vergangenen Wochen. Wann sprechen wir schon ausführlich vom Leben, wenn wir danach gefragt werden? Was als Smalltalk gilt, ist eigentlich eine verdammt schwer zu beantwortende Frage. Zu uninteressanten Popsongs und grellen Lichtern finden wir eine Antwort auf diese Frage.

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