in Gekritzel

Momentanaufnahme #0005 – Bluetooth-Headsets

Seit langem mal wieder Morgens im Bus, in der einen Hand das Handy zum Podcast-Hören, in der anderen „Tokyo doesn’t love us anymore“ von Ray Loriga. Prompt pflanzt sich jemand neben mich, lacht herzlich, plappert drauflos. Ich umreiße die Situation zunächst gar nicht, sein Sprechen wird von den 4/4 Takten auf meinen Ohren zerhackt. Und überhaupt stiert der Kerl ins Leere. Natürlich, denn ihm fehlt ein Gegenüber. Er telefoniert über ein Bluetooth-Headset, was ich Übersehen habe. Every fucking time.

Ich lausche seinem Monolog und stelle mich selbst am anderen Ende der Leitung vor. Ich erzähle irgendetwas sensationelles, vielleicht universitären Klatsch und Tratsch, wahrscheinlich noch mit Kaffe und Kippe am Frühstückstisch. Ich überlege mir fiese Sätze, schließlich ist es morgen. Hämisch schmunzle ich über sein Aufquieken in mich hinein.

Telefonieren ist mir unangenehm und das ist zumindest noch mit dem Akt des Abhebens und dem Halten des Telefons ans Ohr verbunden. Der Arm wird schwer, das Telefonat muss irgendwann ein Ende haben, nach 3 Minuten ist dann aber wirklich Ruhe. Scheinbar läuft das mit Headset anders. Das baumelt an einem herab und es gibt keinen Grund, es abzulegen. Keinen Grund, mit dem Reden aufzuhören. Der Mensch neben mir erzählt und erzählt. Mir erscheint diese Kommunikation zwischen Tür und Angel. Chatte ich, dann verschwinde ich für ein paar Sekunden im Textfeld auf dem Bildschirm. Telefoniere ich, wende ich mich ja möglichst von meiner Umwelt ab, bis eine_r den roten Knopf drückt.

Aber dieses lange Palavern ins Nichts ist irgendwo zwischen allen Ebenen. Der Blick noch aus dem Fenster, die Gedanken sicher zur Hälfte auch. Die kontextlosen Sätze gehen ein in die Kakophonie der Straße. Dem Gegenüber beraubt das Digitale alles bis auf die Stimme. Bei einem kurzen Telefonat kann ich mir meine_n Gesprächspartner_in zumindest noch in einem bestimmten, geschlossenen Setting vorstellen. Aber über 45 Minuten, da bewegt man sich, sitzt neben unterschiedlichen Menschen. Schaut auch aus einem Fenster, ist nur halb bei der Sache. Zwischen den Dimensionen festgesteckt.

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