in Kino

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„lost in music“ lautet der Untertitel des Musik-Films von Mia Hansen-Løve, seit Ende April dieses Jahres im Kino. Verloren geht Paul in der Rave-Szene von Paris in den 90ern auf vielfältige Weise. Sein Duo Cheers reitet zusammen mit Daft Punk auf der Welle des French-House durch Keller, Poolpartys und chice Clubs. Doch Paul wird zunehmend mitgerissen, als dass er oben auf reitet.

Anfangs ist der Rausch noch frisch, für den dargestellten Freundeskreis, für das Publikum. Es ist überraschend befriedigend, den schönen Menschen beim Tanzen zuzusehen. Die Musik pumpt im 4/4 Takt, die Locations sind ausgefallen und zauberhaft beleuchtet. Über die Anlage des Gartenbaukinos (Wien) ist der Sound satter als in den meisten Venues der Stadt. Es fühlt sich an wie Clubbing ohne all die Strapazen, ohne die schlappen Glieder, ohne die stockenden Gespräche. Mein Sitznachbar bemerkt gar nicht, wie sein Fuß im Takt klopft und seine Lippen die Melodie nachzeichnen. Es entsteht eine wunderbare Parallele zwischen den party people auf der Leinwand und den couch potatoes davor. Paul rotzt einen Kokain-Rausch nach dem anderen, die Nächte ziehen sich bis in den frühen Nachmittag, mit einer Begleiterin neben sich im Bett. Alles in Farbe getaucht, der Bass massiert das Zwerchfell, der Morgen wird mit Espresso zum Joint ruhig angegangen. Alles ist weich, der flüchtige Moment hinter dem DJ-Pult hebt sich wunderbar ab. Ich konnte spüren, wie Paul vor Endorphinen abzuheben glaubt.

Doch natürlich sind die Tage, die Comedowns hart. Die DJs und Produzenten von Cheers fallen hinter Daft Punk zurück, der Hype kann nur einige wenige tragen. Zwar schafft es auch die Crew von Paul ins MoMA nach New York, doch dann kommt der langsame Abstieg. Wie Tritte in die kurzen Rippen wirken daher die Daft Punk Songs im Soundtrack, eine ständige Erinnerung an das Versagen in Relation zu den Pop-Stars. Cyril, ein manisch-depressiver Comic-Zeichner und cover-artist für die Cheers, nimmt sich das Leben. Die Beziehung zwischen Paul und der selbstbestimmten Louise geht den Bach runter, wobei klar ist, dass Paul sehr von der Kraft seiner Partnerin abhängig ist. Kredite, Schnorren bei Mutter. Resident-Jobs vor Publikum, das keinen Bock mehr auf Garage hat.

Aber Aufstieg und Fall bei EDEN lassen sich nicht so strikt voneinander trennen. Die Kurve schlägt im Abwärtstrend immer wieder nach oben aus, es gibt noch Koks in Paris und bis 30 hält der menschliche Körper ja doch einiges aus.
Bis kein Geld mehr zu beschaffen ist. Die nie endende Nacht wird entlarvt als Realitätsflucht, es folgt Entzug und Hackeln in Brotjobs.

Wirklich glücklich wirkt keiner der Charaktere gegen Ende, bittere Melancholie in allen Augenpaaren. Hin und wieder eine gemeinsame Nacht, etwas Mineralwasser zu den alten French-House Tunes. Alte Bekanntschaften, neue Gefühle.

Und die Szene an sich? Allein in der Tatsache, dass EDEN den Bechtel-Test nur einige Sekunden lang besteht, wird auch viel über den Clubbetrieb ausgesagt. Die DJs sind Männer, ihre Engsten sind Männer, die Gespräche handeln über Platten und Frauen. Eine Liebschaft Pauls lädt ihn ein: Sie lege morgen irgendwo auf. Keinerlei Interesse, „ja vielleicht“. Die Entwicklung der Story hangelt sich entlang an den verschiedenen Freundinnen Pauls. Es hat mich und meine Freund_innen genervt, aber wahrscheinlich trifft diese sexistische Struktur den Nagel nun mal auf den Kopf.

Die Szene ist patriarchal organisiert und Paul nicht wirklich sympathisch. Ob sich da viel geändert hat, an der Organisation der rave-culture, an ihren Akteur(_innen)?

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