Ghost in the Shell 2: Innocence (2004)

In der Fortsetzung des Manga-Klassikers scheinen einige Elemente auf, die auch in der Spielfilmversion dieses Jahres vorkommen. Am auffälligsten sind die Geisha-Roboter, die von einem unheimlichen Geist befallen werden und plötzlich ihre Besitzer umbringen. Noch pikanter wird die Angelegenheit, weil es sich um Sexbots der Firma LOCUS SOLUS handelt, die damit in einer Grauzone tätig ist. Abseits der Mayor im ersten Teil wird also auch im Sequel die spezifische Situation des weiblichen Gynoiden verhandelt. Im Film ist vor allem von Dolls die Rede; von Maschinen also, die ihren Meister_innen unbegrenzt zur Verfügung stehen.

Im Fokus des Films steht diesmal die Beziehung zwischen Togusa, einem fast unveränderten Menschen, und Batou, der immer mehr cybernetische Veränderungen erfährt. Für letzteren ist die Verbindung zur Mayor weiterhin sehr wichtig, die seinem menschlichen Kollegen kaum verständlich ist. Doch die Mayor tritt über das Netzwerk mit Batou in Kontakt und agiert als eine Art Schutzengel. Dabei nimmt sie verschiedene Formen an, ist entweder unterbewusste Stimme oder eingeschränkter Geist, der eine der Puppen lenkt und damit handlungsfähig wird. Die Idee einer völlig neuen Existenzform aus dem ersten Teil wird also weiter ausgebaut.

Der Plot besteht erneut aus einem relativ komplexen Intrigenspiel zwischen der LOCUS SOLUS Corporation, ihren Verbindungen zur Yakuza und einer mysteriösen Serie von Morden. Das entscheidende Bindeglied ist Kim, ein Soldat, der zum Hacker für die Firma geworden ist. Als Batou und Togusa dessen Anwesen betreten, geraten sie in ein komplexes Timeloop, dem sie nur mit Hilfe der Mayor entkommen können. Dabei spielt eine Vielzahl an philosophischen, religiösen und literarischen Zitaten eine Rolle, es geht erneut um die Essenz des Menschseins. Auf Wikipedia findet sich ein überblick aller Querverbindungen.

Beeindruckt hat mich die Szene mit der Robo-Forensikerin, die sich auch im Spielfilm findet. Im Dialog zwischen ihr und Togusa findet eine Reflexion der Vanitas und der menschlichen bzw. künstlichen Reproduktion statt. Das Kettenrauchen passt bildlich sehr gut dazu.

Innocence ist eine gute Fortsetzung, die für sich alleine steht. Man muss den ersten Teil kennen, aber es ist auch keine direkte Fortführung der Handlung. Die Action tritt noch mehr in den Hintergrund und der Film beschäftigt sich noch mehr mit philosophischen Fragen zum Verhältnis von Mensch und Machine. Visuell punktet eine neue Animationstechnik, die mit den klassischen Zeichnungen verschmilzt und immer noch schön ist.

Ghost in the Shell (2017)

Die Verfilmung des Anima-Klassikers versucht zunächst einen Spagat aus Fanservice und Erschließung neuer Publikumsgruppen. Die politischen Intrigen zwischen Section 6 und 9 sowie die internationale Politik wurden stark vereinfacht. So besteht der Plot hauptsächlich aus dem Kampf der Major Motoko Kusanagi für Section 9 gegen den Meister-Hacker Hideo Kuze. Die Handlung besteht aus der Verstrickung von Section 9 mit dem Großkonzern Hanka Robotics, dessen CEO Cutter die Behörde zunehmend kontrollieren will und ein doppeltes Spiel spielt.

ghost-gif-01

Aus dem gesichts- und körperlosen Puppet Master wird also das missglückte Experiment Kuze, ein Cyborg mit rein synthetischen Körper, der seine menschliche Komponente – seinen Ghost – allerdings abstößt. Zusammen mit Cutter als direkten Antagonisten werden also alle Konflikte personalisiert und dadurch leichter vermittelbar. Leider habe ich den 2. Teil des Animes zum Zeitpunkt des Verfassens noch nicht gesehen, ich gehe aber davon aus, dass der Film Erkenntnisse aus beiden Teilen und der Serie kombiniert.

Um die Identifikation mit der Major, einem perfekten Hybrid aus Mensch und Maschine, zu fördern, wird verstärkt auf ihre Backstory eingegangen. Auf der Suche nach ihrer Herkunft ist Kusanagi sehr erfolgreich, wobei ich nicht weiß, ob dieser Part völlig neu geschrieben wurde.

ghost-gif-2

Besonders fein für Fans der Serie sind die direkt nachgefilmten Sequenzen aus dem ersten Teil. Das Intro, der Sturz vom Hochhaus, die Verfolgungsjagd durch die Slums und das Erwachen im Apartment sind teilweise Bild für Bild ans Original angelehnt. Der finale Bosskampf hingegen ist stark verändert, um den Film möglichst vollkommen abzuschließen.

Was Cast und schauspielerische Leistung anbelangt ist der Vorwurf, dass die meisten großen Rollen europäisch-amerikanisch besetzt wurden, durchaus berechtigt. Eine starke Fokussierung auf ein europäisches Publikum zieht sich durch den gesamten Film, das Japanisch vom Section 9 Chef Daisuke Aramaki ist eher ein exotisches Element. Für das Filmerlebnis liefern Scarlett Johansson und Pilou Asbæk als Batou aber gute Beiträge, letzterer ist als sidekick einfach aber charismatisch gezeichnet. Überraschend schlecht hat für mich Juliette Binoche als Dr. Ouélet und Ziehmutter Kusanagis gespielt, ihre ständige Sorge und Unsicherheit wirkt aufgesetzt und fehl am Platz.

Insgesamt hat die Übersetzung des teilweise sehr philosophischen Animes zu einem Action-Film gut geklappt. Im Mittelteil funktioniert die Spannungskurve nicht, dafür legt das Ende nochmal zu. Purist_innen und eingeschworene Fans des Animes werden vielleicht durch die durchaus freie Adaption des Stoffes gekränkt sein, aber eine andere Form verlangt eben auch andere Inhalte. Der größte Mangel sind für mich die Dialoge, die im Original zu künstlich und kompliziert waren, jetzt aber arg verflacht sind.

Ghost in the Shell (1995)

Eintrag in der Movie Database
Der Film ist dem Genre des Action-Thrillers zuzuordnen, es geht um einen Inside-Job der Regierung, um Verschwörung und Täuschung. Die Konflikte der rivalisierenden Section 9 und 6 werden vor allem mit Cyberkriminalität und Waffengewalt ausgetragen, wobei die Ballereien eindrucksvoll in Szene gesetzt werden. Die Wirren der politischen Intrige und die spannenden Verfolgungsjagden samt finalem Bosskampf würden nun schon genug Inhalt für 130 Minuten bieten, allerdings will der Sci-Fi Klassiker noch viel mehr.

Zum einen wird die Cyberpunkwelt durch Einstellungen auf wunderschöne Hintergründe vermittelt. In diesen Landschaftsaufnahmen erreicht der Film einen Ruhepunkt, der dann oft  durch plötzliche Schusswechsel durchbrochen wird. Aber auch diese Konfrontationen sind nicht immer hektisch, es gibt Zeit für Reflexion und Erholung. Teil dieser Welt ist wie in jedem Cybperunk-Szenario das Verschmelzen von Mensch und Maschine. Besonders  ist dabei das Konzept einer Seele, Ghost genannt, das letztlich noch an eine biologische menschliche Existenz geknüpft ist. Zwar kann die Hirnstruktur und damit der Ghost von einem menschlichen Körper in einen rein technischen verpflanzt werden, doch bisher ist es nicht möglich, die Seele und damit das unabhängige Menschsein zu synthetisieren.

Doch die Protagonistin Major Motoko Kusanagi erfährt zunehmend Zweifel, ob ihr menschlicher Kern in ihrer vollständig künstlichen Hülle wirklich vorhanden ist oder nach der Transplantation noch etwas davon übrig ist. Ein geheimnisvoller Hacker, der eigentlich geschlechtslos und ein Computerprogramm ist, behauptet zudem, durch die Anbindung an ein komplexes Netzwerk (damit ist fix das Internet gemeint) einen eigenen Ghost hergestellt zu haben. Die Raffinesse seines Täuschungsspiels, das Vordringen in die Hochsicherheitstrakte der Sections sowie die Unabhängigkeit von einem physischen Körper legen nahe, dass es sich dabei tatsächlich um eine ganz neue Form des Lebens handeln könnte.

Um diese komplexen philosophischen Gedanken im Film zu äußern, gibt es lange Dialoge, die eher Monologen gleichkommen. Diese Erinnern an die Dialoge Platons. Als Gesprächspartner hat Motoko zum einen den Hybriden Batou, zum anderen den unveränderten Menschen Togusa. Diese drei Existenzformen des Menschlichen tauschen sich nun über den Kern ihres Seins aus, was leider den Spannungsbogen des Films stört und das filmische Prinzip von „show, don’t tell“ ignoriert.

Baff ist man aber trotzdem.

Kill Bill 1 & 2 (2003/2004)

Das zweiteilige Epos von Quentin Tarantino begeistert durch seine extreme Darstellung in jeglicher Hinsicht und der Vielzahl an Superschurk_innen, die mythischen Figuren gleichen. Der Plot ist schon im Titel enthalten: Uma Thurmann als zunächst namenlose Protagonistin begibt sich auf einen Rachefeldzug gegen den mysteriösen Bill, welcher der Anführer eines Teams von Auftragskillern ist – dem Deadly Viper Assassination Squad. Bis zum Showdown gegen Bill gibt es mehrere strukturgebende Elemente: Die beiden Filme sind in insgesamt 10 Kapitel aufgeteilt, eine Zahl, die durch die Handlung mit Bedeutung aufgeladen wird. Zudem hat die Protagonistin Beatrix ‚The Bride‘ Kiddo eine Todes-Liste mit fünf Namen, die sie schrittweise abarbeitet. Diese Linearität wird gebrochen durch zahlreiche Zeitsprünge, die der Handlung mehr Komplexität zukommen lassen und dafür sorgen, dass man als Zuschauer_in mit einigen Rätseln konfrontiert wird.

Diese Rätsel beziehen sich vor allem auf die zunächst unbekannten Beziehungen der Charaktere untereinander. Jede_r der Superschurk_innen wird im Laufe des Films mit einer Hintergrundgeschichte versehen und durch ein paar coole Einzeiler in Szene gesetzt. Höhepunkt jeder Begegnung zwischen der „Bride“ und den Bösewicht_innen ist ein epischer Kampf, wobei die Action-Sequenzen wirklich phänomenal angelegt sind. Zu den Highlights gehört die Kampfszene in einem Club im Japan, bei der Beatrix mit einer nie enden wollenden Masse an Gegner_innen konfrontiert ist. Final wartet dann O-Ren Ishii als Endboss auf, die zuvor mit einer Anime-Sequenz vorgestellt wird. Solche Stilbrüche finden zahlreich im Film, so wechselt Tarantino oftmals zwischen Schwarz-Weiß und verschiedenen Farbfiltern. Es gibt auch Wechsel im Bildformat, beispielsweise zu einem quadratischen Bild.

Kill Bill ist ein mitreißender Film, der in Sachen Gewalt und Action immer noch eins drauflegt. Aber es ergeben sich auch Längen – nämlich wenn gerade nicht gekämpft wird. Und nach einiger Zeit offenbart sich eine etwas verschobene innere Logik, nach der die Protagonistin scheinbar umso stärker wird, je geschundener sie ist. Wie auf Schienen fährt sie unaufhaltsam zu Bill. Die Spannung besteht also nicht durch die Frage, ob Beatrix erfolgreich sein wird – sondern eher wie. Mindestens so wichtig wie die Kampfkunst ist in Kill Bill zudem das Thema Mutterschaft und die Unschuld des Kindes, wobei mir nicht klar ist, ob Tarantino es damit letztlich ernst meint oder es nur als dankbaren Spannungsmoment in Bezug auf die Gewalt ansieht. Für einen Film, in dem vor allem die Frauen badass sind, ist leider auch alles auf Bill und dessen Eifersucht hin ausgerichtet.

Pourquoi Israël (1973)

Der neu gegründete Filmclub Tacheles veranstaltet eine Reihe mit Filmen von Claude Lanzmann an der Universität Wien. Auch Lanzmann selbst hält einen Gastvortrag im Audimax. Freitag den 17.03. machte sein erster Film Pourquoi Israël – Warum Israel – den Anfang. Vor dem Screening des dreistündigen Film hielt Mag.a Sarah Kanawin eine kurze Einführung aus filmwissenschaftlicher. Zunächst will ich einige Eckpunkte dieses Vortrags zusammenfassen und anschließend meine Eindrücke des Films in freier Form wiedergeben.

Vor Pourquoi Israël versuchte sich Lanzmann bereits in zwei anderen Medien an einer Dokumentation über den noch jungen Staat Israel, zunächst in der Form von Zeitungsberichten, dann in einem Buch. Beide Projekte scheiterten, aus dem Film wurde etwas. Die Dokumentation präsentiert uns den Blick eines Außenseiters, der nach Israel reist und sich an einem empathischen Blick versucht. Lanzmann nahm insgesamt 50 Stunden Material auf, was nach viel klingt. Tatsächlich war in der Strömung des Cinéma vérité – des „wahren Kinos“ – noch viel mehr Material üblich, das Verhältnis zwischen Material und tatsächlich verwendeten Ausschnitten sollte ca. 1:100 betragen. Neben dem Cinéma vérité ist Lanzmann durch das Direct Cinema beeinflusst.

Der Stil seiner ersten Doku gleicht bereits seinem späteren Epos Shoa. Ausgemacht wird dieser Stil durch den radikalen Verzicht auf Archivmaterialien, Voice-Overs, erklärenden Kommentaren und sehr minimalistischen Einsatz von Filmmusik. Pourquoi Israël besteht zum Großteil aus Interviews, die in verschiedensten Sprachen geführt werden (Hebräisch, Jiddisch, Deutsch, Arabisch, Französisch, Russisch …) und in denen Lanzmann auch teilweise zu sehen ist. Die Sprache gerät dabei stark in den Fokus, die Kommunikation zwischen Regisseur, Dolmetscher_in und Interviewpartner_in gestaltet sich oft schwierig und es wird nicht gleichzeitig übersetzt. Man hört die Leute erst reden, dann kommen die Untertitel. Manche Sequenzen sind bewusst nicht mit Untertiteln versehen.

Der Regisseur probiert sich gar nicht erst an einem scheinbar objektiven Blick, sondern präsentiert eine einzige Perspektive, nämlich die Seine. Dabei arbeitete er mit einem sehr kleinen Team, zumeist waren nur 2-3 zusätzliche Kolleg_innen anwesend. Durch die Interviews versucht Lanzmann eine Narration zu erschaffen und lenkt dafür den Gesprächverlauf durch gezieltes Nachfragen. Dabei ist er manchmal sehr hart und durchaus auch unhöflich. Zwar sind ein Großteil der Aufnahmen als authentisch zu bewerten, aber auch Lanzmann inszeniert. So ist die Szene im Supermarkt nachgestellt. Die Auswahl der interviewten Menschen ist vielfältig, es werden verschiedene soziale Schichten und Klassen repräsentiert. Leider kommen nur sehr wenig Frauen sehr kurz zu Wort, was absolut kritisiert werden muss. So waren Frauen zu diesem Zeitpunkt auch längst Teil der Armee und natürlich auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen aktiv.

Den Einstieg macht Pourquoi Israël mit dem kommunistischen Liedermacher Gad Granach, der ein Lied des Spartakusbunds gegen Hitler spielt. Daraufhin wird eine Schulklasse gezeigt, welche die Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Mit Granach endet der Film auch, diesmal erklingt aber Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.

Warum Israel heißt der Film auf Deutsch und es fehlt das Fragezeichen. Im Film wird diese Frage auch eher als „Wie Israel?“ verhandelt, was eine gute Entscheidung war. So verhält sich der Film empathisch zum Großprojekt eines jüdischen Staates und seinen Bewohner_innen. Die Infragestellung der ganzen Sache wird nicht zugelassen und in den Interviews finden sich auch genug Hinweise, wieso es Israel als Refugium braucht. Aber natürlich ist Leben und Politik in diesem neuen Staat nicht Friede-Freude-Eierkuchen.

Vielmehr wird deutlich, wie schwierig sich das frisch organisierte Zusammenleben von Menschen gestaltete, die ganz unterschiedliche Lebensumstände kennen und dennoch an die zionistische Idee gebunden sind. Vieles wirkt Anfang der 70er Jahre noch flüssig, manche wollen einen Staat wie jeden anderen, andere hoffen noch auf den Sozialismus. Die Klassenfrage wird ganz anders gestellt, so fühlt sich der Hafenarbeiter Jacques Barkat den Eliten in Israel nur teilweise unterlegen, er akzeptiert letztlich seinen Platz im sozialen Gefüge. Ein alter Herr, bekannt als „Papa von Dimona“, erzählt, wie er mit vielen anderen Familien mit der Hoffnung auf Unterkunft nach Israel kam. Letztlich wurden sie mit Bussen mitten in die Wüste gefahren, wo sie alles von Grund auf selbst erschaffen mussten. Wir sehen ihn, wie er auf einer Straße in der mittlerweile selbstverständlich wirkenden Stadt sitzt. Genia Gordjetski ist mit seiner Familie gerade erst aus der UdSSR nach Israel gekommen, Lanzmann begleitet ihn mit dem Auto und sie fahren an Jerusalem vorbei. Diese Familie ist völlig ahnungslos, doch sind sie froh, hier eine neue Heimat zu finden. Im Gespräch wird klar, dass auch rassistische Ressentiments im multi-ethnischen Staat eine Rolle spielen – was auch in Bezug auf die arabischen Nachbarn und Landsleute aufgegriffen wird.

Nach dem Screening von Pourquoi Israël war ich fasziniert davon, wie aberwitzig das Projekt Israel eigentlich ist – und in der Realität aber doch funktioniert. Gleichzeitig wird Sehnsucht nach etwas noch besserem, nach einer wirklich befreiten Gesellschaft wach. Denn Israel ist letztlich auch der Beweis dafür, dass es möglich ist, eine riesige Infrastruktur innerhalb weniger Jahre trotz den widrigsten Umständen hochzuziehen. Dass es möglich ist, Menschen in eine völlig neue Art des Zusammenlebens zu integrieren. Leider ist es letztlich eine kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft mit Schere zwischen Arm und Reich geworden, aber die Geschichte ist bekanntlich ja nicht vorbei.

Maleficent (2014)

Maleficent ist ein moderner Take des Dorröschen-Stoffes, was sehr gut funktioniert und ein ziemlich cooles Resultat zur Folge hatte. Das beste an diesem Disney-Film ist, dass mit vielen Konventionen bisheriger Märchen und Prinzessinnen gebrochen wird. Das junge Liebespaar adligen Bluts ist zwar vorhanden, taucht aber eher als ironische Randbemerkung auf. Die wichtigste Figur ist die Fee Maleficent, die über ein mystisches Reich herrscht, das von der Welt der Menschen abgeschottet ist. Als der spätere König Stevan sie verrät und vergewaltigt – die beiden waren ein Liebespaar – wird sie zur Antiheldin und zur bösen Fee. Diese Verwandlung macht ihren Charakter bemerkenswert, etwas ambivalentes hält Einzug in die Märchenwelt. Als das einzige Kind des Herrscherpaars geboren wird, es ist die Prinzessin Aurora, belegt Maleficent das Baby mit dem altbekannten Fluch.

Um seine Tochter davor zu schützen, versteckt Stefan sie tief im Wald und sie wächst in einer isolierten Hütte auf. Maleficent schaut ihr beim Aufwachsen zu, zunächst voller Häme und Genugtuung, doch letztlich liebt sie Aurora wie eine eigene Tochter. Diese lernt sie als gütige Königin der Fabelwesen kennen – vom Verrat an ihrem Schicksal ahnt sie nichts. Ihre böse Bestimmung erfüllt sich natürlich trotz aller Vorkehrungen, Aurora fällt in einen ewigen Schlaf. Es braucht einen Kuss samt wahrer Liebe. Prinz Philipp wird herbei gezerrt, er und Aurora haben sie ineinander verkuckt und vielleicht war es love on first sight, true love. Aber sowohl Stefan als auch Maleficent sind überzeugt: Das gibt es nicht. Und hier wird doch klar, dass es ein Disney-Film ist. Denn natürlich gibt es die wahre Liebe, nur ist es nicht die junge Romanze, sondern die Liebe der Mutter, welche Aurora aus ihrer Starre erlöst.

Friede-Freude-Eierkuchen kehrt in Maleficent aber erst ganz am Ende ein. Es wird viel gekämpft, wobei klar ist, dass viele Menschen schwer verletzt werden oder sterben. Man sieht es nur nicht. Dass es brutale Gewalt in einem brutalen Konflikt gibt, ist ein wichtiges Zugeständnis an ein älteres Publikum. Auch die Themen Missbrauch und Vergewaltigung werden ernsthaft in den Grenzen des Genres verhandelt.

Ich war vom Film bezaubert. Angelina Jolie brilliert als böse Hexe, die zunächst Opfer ist und über diese Rolle hinaus wächst. Die Animationen und Zauberwesen sind wunderschön, Kinder sind sicher aus dem Häuschen.

Tommy Genesis – Empty

Mein Spotify Release Radar hat diesen tollen Track gerade an die Oberfläche gespült. Tommy’s verstörend-wütende Stimme auf diesen dunklen Trap-Beat, es wäscht die Seele ab vom Morast des neuen Kraftklub Songs, den Spotify mir davor einreihte.

Daniel Richter im 21er Haus

Seine Bilder wirken zumeist dreckig, verschmiert, angekokelt oder verätzt. Doch als sie an der Haltestelle Quartier Belvedere aussteigen, blicken sie in die hunderten blitzblanken Fenster des Erste Bank Campus. Das Postkartenidyll moderner Architektur wird getrübt oder ergänzt um die Baustellen hinter dem Campus, bei denen ein ganzes Team an Kränen Betonquader aufeinander stapelt. Beinahe beschaulich im Kontrast das 21er Haus, dessen Glasfassade sie durch die Türe betreten. Es ist die einzige ihres Aufenthalts.

Im Erdgeschoss der Ausstellungshalle umgibt sie ein Spielplatz an Installationen von Franz West. Einige Gewichte an verbogenen Stangen dürfen sogar angefasst werden. Aliens aus Space Invaders hängen von der Decke und wechseln beim Klatschen die Farbe. Schwebende Plüschbälle wirken bedrohlich, wenn man darunter steht. Ein Zigarettenanzünder ist an einen Stromkasten mit herausquellenden Gehirn angeschlossen und funktioniert nicht.

Im Obergeschoss ist es es etwas düster, bleiches Licht dringt durch das Milchglas an der Decke. Die teils riesigen Leindwände sind in und um kleine Zimmerchen aufgehängt, die sich frei begehen lassen. Die Rahmung ist kaum noch reduzierbar. Dieses steril wirkende Setting setzt die quietschbunten Gemälde von Richter bombastisch in Szene. Es gibt bis auf einen kurzen Einführungstext über den Künstler keine Beschreibungen, die Namen der Gemälde sind immer mit viel Abstand zum Kunstwerk angegeben. In einem dunkleren Zimmer läuft ein Interview. Darin „sagt er einige schlaue Dinge, aber die Fragen sind schlecht“, wie einer meint. Tatsächlich findet auch Richter die Fragen eher schlecht, sagt dann aber dennoch interessante Dinge. Die durchaus viel Einsicht in die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage aufblitzen lassen. Für ihn sei das vergangene Jahrhundert von zunehmender Rationalisierung geprägt, im neuen Jahrtausend komme nun all das verdrängt Irrationale aus den Ritzen. Ist das so?

Zuerst fallen die Gemälde mit klar erkennbaren Szenen auf, Straßenschluchten, Versammlungen, sich zerreißende Tiere. Sind das Gitarren oder Kalaschnikows? Die Menschen in Richters Kunst sind seltsam fleckig, ihre Gesichtsmerkmale dadurch verätzt. In einigen Werken, die mehr an Zeichnungen erinnern und deren Zentrum für mich Army of Traitors bildete, sind verschwommene Schemen unter weiten Tüchern zu sehen. A Flower in Flames erinnert an Concept Art von Dune. Über einige Bilder sind sie sich uneins, insgesamt aber begeistert. Richter scheint sehr politisch zu sein, die Grenze ist für ihn eine problematische Kategorie, aber er ist dennoch verspielt und vielschichtig. Auch sehr abstrakte Gemälde sind zu sehen, Explosionen von Graustufen und grellen Farben. Das Gemäle namens Lonely Old Slogan stiftet den Namen für die Ausstellung, zu sehen ist eine Lederjacke mit dem Aufdruck „Fuck the Police“.

Im Museumsshop gibt es komische Zines und reduzierte Ausstellungskataloge. Im Kino riecht es nach Käsefuß. Sie gehen weiter zu einem koreanischen Imbiss

 

Lorde – Green Light

Die neue Single von Lorde ist bei mir die Tage immer wieder gelaufen und die Freude auf auf ein neues Album ist _sehr_ groß.

Hier noch eine Playlist mit einer Best-Of Selection:

 

Once again: Thema Verhüllung – 4 Artikel

Die öffentliche Debatte um die Verhüllung von Frauen* als kulturelle sowie religiöse Praxis wurde in den letzten Tagen wieder einmal verstärkt geführt. Das liegt zum einen an einer offiziellen Weisung der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreich, in der die Verhüllung klar als religiöses Gebot festgelegt wird, und andererseits an dem geplanten Verbot der Verhüllung bei Angestellten im öffentlichen Dienst.

Im Standard gab es hierzu vier Artikel, die ich relativ kommentarlos und vor allem für mich sammeln will. Die Problematik um die Verhüllung ergibt sich für mich durch die Schnittstelle von Kleidung zwischen ideologischen Statement und bloßem Style. Zudem ist es scheinbar herausfordernd, Frauen* in Bezug auf ihre Kleidung nicht zu bevormunden und andererseits die Verhüllung von Frauen*körpern als religiöses Gebot nicht als Zeichen von Befreiung abzufeiern.

Das geplante Verbot für den öffentlichen Dienst scheint mir populistischer Aktivismus, denn andere religiöse Symbole wie Kreuze und das Gewand von Nonnen sollen ja auch nicht aus dem Bildungsbereich verschwinden. Und eine Modernisierung von Glaubens- und Lebensweisen lässt sich durch eine staatliche Vorschrift wohl kaum vorantreiben.

Kopftuch: Islamische Glaubensgemeinschaft rät Frauen zur Verhüllung

Grundsätzlich finde ich Kleidungsvorschriften abzulehnen und wenn diese eine offizielle Weisung darstellen, so wirkt sich das auf alle negativ aus: Manche Frauen* gehen plötzlich mit einem Statement konform, dessen Stimme sie vielleicht ablehnen. Und diejenigen, welche die Weisung ignorieren, geraten natürlich in Argumentationszwang.

Religionspädagoge Aslan: Was am Kopftuch-Gebot gefährlich ist

Frauensprecherin der Glaubensgemeinschaft gegen Kopftuchgebot

Kopftuch – die Eskalation eines Kulturkonflikts